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Urinstein: Will man so etwas sehen?

Die Toilette lebt!

Es gibt Dinge, oder besser gesagt Bereiche des Lebens, da fragt man sich hinterher schon, ob man das wirklich sehen wollte. Dies gilt auch, oder vielleicht sogar im Besonderen, für s. g. Tabubereiche des täglichen Lebens. Dazu zählt sicher auch die Toilette. Das sind einfach Dinge, über die man nicht redet. Jeder hat eine, jeder braucht eine, aber darüber sprechen? Wozu? Der Gang zur Toilette, den jeder von uns mindestens einmal am Tag gehen muss (was das große Geschäft angeht) ist eine alltägliche Notwendigkeit, die man im Stillen, im Geheimen, im Verborgenen durchführt.

Das war nicht immer so. Früher, also ganz früher, wickelten die Römer sogar ihre Geschäfte auf dem Klo ab. Daher kommt auch der Spruch "Ich mache mein Geschäft", wenn man auf der Toilette sitzt. Man saß einträchtig nebeneinander, handelte, verkaufte und entleerte Blase und Darm dabei. In öffentlichen Latrinen hatten bis zu 80 Personen Platz, Reiche haben sich eine eigene Toilette in ihr Haus einbauen lassen. Danach wischte man sich mit einem feuchten Schwamm den Hintern ab, wusch sich vielleicht noch die Hände und ging wieder seiner Wege. Der Urin wurde aufgesammelt, denn die Gerber brauchten ihn! Dazu standen in der ganzen Stadt Gefäße bereit, in denen der Urn gesammelt wurde. Kaiser Vespasian ließ diese Behälter sogar versteuern, daher stammt der Ausspruch "Geld stinkt nicht".

Alles muss weg

Heutzutage gehen unsere Überreste gesammelt in eine Kläranlage. Dazu gibt es lange Rohre, die, im Zusammenspiel mit viel (kostbarem) Wasser, alles fein säuberlich (und hoffentlich geruchlos, was nicht immer klappt) wegspült. Dieses System funktioniert, deswegen kümmern wir uns nicht darum. Wir machen unser Geschäft, egal ob groß oder klein, wischen uns ab (die einen mehr, die anderen weniger und manche nehmen Feuchttücher) und drücken danach auf den segensreichen Knopf der Wasserspülung. Die ganz peniblen nehmen dann noch eine Klobürste und entfernen auch noch die letzten Reste. Die versiffte Klobürste stellen sie dann wieder in den ebenfalls verseuchte Halterung zurück. Es lebe die Hygiene!

Nichts geht mehr!

Das funktioniert gut, das funktioniert immer. Wenn man sich an gewissen Regeln hält. Ein Tennisball geht nichts durchs Rohr, den müssen Sie wieder herausfischen. Auch einen Putzlappen sollte man nicht mit herunterspülen und manch' Zeitgenosse ist auch daran gescheitert, seine zerstückelten Opfer durch die Toilette zu entsorgen. Das Resultat ist dann immer das gleiche: Die Toilette ist verstopft, das Wasser läuft nicht mehr, Papier und braune Hinterlassenschaften drohen über den Rand zu schwappen, es nervt und stinkt wie Hölle. Wenn Sie Glück haben, können Sie alles mit der Klobürste durchstopfen, dann geht's oftmals auch wieder. Wenn Sie kein Glück haben, muss ein Fachmann her, der das Rohr wieder freipustet.

Doch verstopft ist nicht gleich verstopft. Es gibt da schon noch einen kleinen Unterschied in Gestalt der Sache, was genau das Rohr verstopft. Bei uns war es jedenfalls so, das im letzten halben Jahr die Toilette immer wieder mal verstopft. Wir spülen nicht bei jedem Pinkelgang, sondern schütten gesammeltes Wasser vom Duschen oder Baden hinterher (das spart echt Geld). Trotzdem hatten wir immer wieder das Problem, das die Toilette verstopfte. Bis gestern konnte man dies immer wieder mit der Klöbürste regeln, einfach feste rein damit und dann ging das wieder für ein paar Tage. Wie gesagt: bis gestern!

Lebt Urinstein eigentlich?

Nachdem ich gestern den Backofen reinigte übersah ich den Spülschwamm, als ich das dreckige Wasser in die Touilette kippte. Ja, das sollte man nicht machen, ist mir jetzt auch klar. Jedenfalls ging danach nichts mehr und als ich genau diesen Spülschwamm vermisste, wurde mir auch klar, warum das Klosett streikte. Diesmal half auch das Stochern mit der Klobürste nichts, ein Fachmann musste her. Der kam auch sehr rasch (Danke an die Fa. Kappes) und er machte sich mit viel Freunde an der Arbeit an die Arbeit. Er schraubte die Toilette komplett ab.

Was da zum Vorschein kam, übertraf alles, was ich bisher gesehen habe. Wir wohnen nun seit 12 Jahren in dieser Wohnung und ich wäre im Leben nicht auf die Idee gekommen die Kloschüssel abzuschrauben und in dieses Abflussrohr zu schauen: Es war komplett mit Urinstein verwachsen! In diesem Urinstein-Baum waren alle möglichen Dinge mit eingeflossen, seine Schale war durchaus hart und fest, das Innere aber weich. So ließ er sich auch leicht entfernen (was ein Glück). Dieses Urinsteingebilde hing ca. 10 Zentimeter tief ins Abflussrohr hinein und wuchs natürlich auch noch in die Schüssel. Dort erstreckte es sich bis hoch zur Biegung, das sind durchaus nochmals 20 Zentimeter! Alles in allem sahen wir einen mindestens 30 Zentimeter langen Urinsteinbaum. Das Innere bestand aus z. T. bereits komplett humusiertem Kot und Toilettenpapier, welches auch gar nicht mehr roch. Dazu Tausende von Larvenhüllen irgendwelcher Insekten (da kommt ja nur ab und zu Wasser hin). Ich muss das ehrlich zugeben, ich war total fasziniert! Das Gebilde sah außen wie ein Knochen aus!

Ich habe alles abgeklopft (natürlich wollte mir der freundliche Mitarbeiter der Fa. Kappes eine neue Kloschüssel verkaufen) und in einen Eimer getan. Das können Sie sich ja einmal anschauen. Das ist das Resultat von 12 Jahren in ein Rohr schiffen. Es gibt dort einen kleinen Absatz, eine Art Vorsprung im Rohr, auf dem sich immer wieder Reste lagern konnten. So hat im Laufe des letzten Jahrzehnts dieses unfassbare Gebilde angesammelt, das ich leider zerstören und entsorgen musste. Jetzt habe ich sicher wieder 10 Jahre Ruhe.

Nichts für schwache Mägen

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