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Niederstetten 1676: Der Fall Emmert

Am 15. September 1676 erging ein Bericht aus Uffenheim an die Regierung in Niederstetten, dass ein 14 jähriger Junge namens Hans Christoph Emmert aus Habelsee wegen Verdacht der Hexerei nach Rothenburg ins Gefängnis gekommen war. Niederstetten gehörte zu dieser Zeit, zusammen mit anderen Ortschaften zur Herrschaft des Grafen von Hatzfeld und bildete eine Zehntgfafschaft mit einem Zehntgericht.

Dieser Junge behauptete nun, seine Tante aus Dunzendorf hätte ihn in der Hexerei unterrichtet. Dies sei bereits zwei Jahre zuvor bei der Kirchweih geschehen, wo er die Tante besucht hatte. Da habe sie ihm diese "Kunst" beigebracht. Er habe seine Tante dann öfters besucht und es wäre auch die Mutter der Tante, die "Schopfendöra" dabei gewesen.

Es wurde nun beantragt die beiden Frauen in Gewahrsam zu nehmen und nach Uffenheim zu überstellen. Dieses Ansinnen wurde jedoch abgelehnt. Gleichzeitig wurde aber in Aussicht gestellt die beiden Frauen selbst zu verhören, wenn man die nötigen Fragen bekommen könnte.

So wurde der Kanzlei in Niederstetten ein Auszug des Protokolls der Vernehmung des Jungen ausgehändigt. In diesem Stand, was den beiden Frauen vorgeworfen wurde. Außerdem wurde ein 100 Punkte umfassender Fragenkatalog (aus dem Hexenhammer) mitgeschickt. Nach diesem Dokument sei Frau Barbara Emmert zu befragen. Zusätzlich fünf Fragen zur Mitwisserschaft des Ehemannes und weitere Fragen für die Mutter.

Am 26. Oktober 1676 war es dann soweit. In der Kanzlei in Niederstetten wurde die Frauen zu den Vorwürfen befragt. Anwesend waren unter anderem auch der Dominikaner Sebastian (vermutlich als Mitglied der Inquisition) aus Laudenbach, der Hofmeister Culmann, der Rentmeister Lucken und der Sekretär der Kanzlei.

Aus dem Geständnis des Jungen vom 31. August 1676 ist folgendes überliefert:

Als er mit der Steinerin von Sechselbach zur Kirchweih nach Dunzendorf gekommen sei, habe er seine Tante besucht, die nicht mit in der Kirche war. Sie habe eine Büchse mit Salbe genommen und etwas davon in die Hand getan. Als er gefragt habe, was sie da mache habe die Tante geantwortet, ob er dies lernen möchte. Er bejahte und sie rührte die Salbe in der Hand mit dem Finger um um und sprach viele Male die Worte: "Teuffel komme und helft mir machen was ich in meiner handt habe". Der Teufel sei dann wenig später gekommen und habe gesagt, sie müsse mehr Salbe nehmen, damit die Flöhe größer werden. Dies habe die Tante dann auch gemacht. Die Flöhe habe sie dann in ein Säcklein getan und gesagt, sie wolle diese aufbewahren bis sie Streit mit jemandem bekomme, um sie diesem dann in die Stube zu schütten. Er habe dann auch Salbe in die Hand bekommen und die selben Worte gesprochen. Seine Flöhe wollten aber nicht so hoch hüpfen. Der Teufel sei dann nochmals gekommen. Die Tante habe ihn dann aber wieder weggeschickt und versprochen, es dem Jungen besser beizubringen. Als der Teufel dann gegangen war, schimpfte sie mit ihm weil er die Worte nicht habe sprechen dürfen. Sie gab ihm dann nochmals von der Salbe und diesmal seien auch seine Flöhe gut geworden.

Später sei er noch zweimal mit seiner Tante, der Schopfendöra und der Steinerin in einen anderen Ort gefahren dessen Namen er nicht mehr wisse. Sie haben jedes mal Schmalz mitgebracht, ihm aber nur wenig davon gegeben. Er sei auch mal mit seiner Tante und den beiden anderen Frauen und dem Teufel beim Hexentanz gewesen. Lediges Gesinde war nicht dabei. Dafür zwei Spielmänner, ein Pfeifer und ein Schallmeister. Das sei alles.

Und selbst wenn der Henker käme und ihm den Kopf abschlage, genauso sei es gewesen. Er wolle den Frauen mit seiner Aussage kein Unrecht antun. Dies sei die Wahrheit.

Barbara Emmert wird nun mit den Fragen des Hexenhammers konfrontiert. Sie wird gefragt, ob die "mit dem bösen feindt" einen "heim- oder offentlichen bundt" eingegangen sei. Damit hätte sie sich mit dem Teufel eingelassen und Gott abgeschworen. Außerdem wolle man wissen, warum sie das gemacht habe. Bei weiteren Fragen wollte man wissen, von wem sie die Hexerei erlernt hatte und wie ihre Rolle als Lehrmeisterin, wie das der Junge beschrieben hatte, ausgesehen habe. Die Fragen 47 bis 59 bezogen sich auf die Ausfahrten, also wohin sei man gefahren, wer war dabei, von wem war das Schmalz welches man von den Ausfahrten mitbrachte, wie oft sei man ausgefahren, wie viel von dem Schmalz hatte jeder bekommen, wie oft wurde zu den Hexentänzen gefahren. Wo waren die Spielmänner, der Pfeifer und der Schallmeier her, wer hatte sie bestellt, wer hatte sie entlohnt?

Die vorletzte Frage (Nr. 99) bezog sich darauf, ob sie es auf eine Gegenüberstellung mit dem jungen Neffen ankommen lassen wolle. Die letzte Frage, Nummer 100, wollte dann noch wissen, ob sie es lieber auf ein "hochnotpeinliches Verhöre" (Folter) ankommen lassen wolle. Bei diesem wäre die Wahrheit sicher ans Tageslicht gekommen.

Natürlich bestritten die beiden Frauen alles was ihnen zur Last gelegt worden war. Sie waren weder mit dem Teufel im Bund, hatten niemals Hexerei betrieben, waren auch nicht zum Hexentanz ausgefahren und ganz sicher hatten sie dem Jungen nicht in die Hexerei eingelernt. Die Tante sagte z.B. sie sei doch nicht närrisch diesem "ohngescheiten kindt solche sachen tun werde". Sie könne lesen und schreiben und lese viele Bücher. Schließlich sei sie zur Schule gegangen. Daraufhin wurden beide Frauen wieder freigelassen, auf das "hochnotpeinliche Verhör" wurde verzichtet.

Nicht wissend wie es nun weitergehen sollte, wendete sich die hatzfeldische Kanzlei an einen Gutachter aus Würzburg, den Doktor und Rat Tobias Reiboldt. Es dauerte vier Wochen, bis dieses Gutachten eintraf. Er monierte, dass der Auszug des Protokolls zur Vernehmung des Jungen unvollständig gewesen sei. Hier hätte man einen "Spezialbericht" anfertigen müssen aus dem hervorginge, ob der Junge boshaft oder einfältig sei, in welchem Ruf er und seine Eltern stünden, warum sei der Knabe überhaupt in Haft gekommen also wer habe ihn angezeigt. Unter welchen Umständen sei der Junge verhaftet worden und geschah das Geständnis zur Hexerei freiwillig oder war es durch Folter entstanden?

Zum zweiten sei es nicht nachzuvollziehen, warum man einem Kinde überhaupt seine Denunziationen Glauben schenkte und aufgrund der Aussage eine Kindes ermittelt habe. Beispiele aus seiner Praxis zeigten, dass sich diese Fälle sehr oft als falsch herausstellten. Auch in diesem Falle sei die Aussage, die Tante hätte Flöhe gemacht sehr kindisch und die Aussage, die Salbe hätte offen herumgestanden nicht sehr glaubwürdig. Er riet, die beiden Frauen von allen Anschuldigungen freizusprechen und in Zukunft zu verschonen. Er hielt bereits das Verhör mit dem Hexenhammer für "schon viel zu weit gegangen", sodaß fast schon zu viel geschehen wäre.

Die Konfrontation mit dem Jungen laut Frage 99 hielt er für insofern überflüssig, als durch sein Gutachten die Unschuld der beiden Frauen bewiesen sei und eine Gegenüberstellung normalerweise nur in Zivil- nicht aber in Strafprozessen üblich wäre.

Aufgrund des Gutachten blieb es dann also bei der Denunziation. Die beiden Frauen wurden freigesprochen und konnten ihrer Wege gehen.

Quelle: Auszug aus Heimatbuch Niederstetten, Elisabeth Schraut, mit freundlicher Genehmigung der Stadt Niederstetten

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