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Gott hat uns den freien Willen gegeben

Immer und immer wieder bekomme ich die gleiche Antwort auf die Frage, warum Gott all dies Elend und die furchtbare Gewalt in der Welt zulässt und warum er nicht eingreift:

Gott gab dem Menschen den freien Willen!

Das beantwortet meine Frage nicht wirklich. Wenn Gott dem Menschen den "freien Willen" gegeben hat alles zu tun, was er möchte, dann ist das ja gut und schön. Dann darf ich auch meinen Nachbarn töten, ach was, ich darf alle töten, die mir nicht wohlgesonnen sind, und berufe mich auf "meinen, von Gott gegebenen, freien Willen".

In einer funktionierenden Gesellschaft ist das natürlich nicht möglich, denn überall (so hoffe ich doch), wird das Töten von Menschen unter Strafe gestellt. Eigentlich ist es dann doch irrelevant, wenn ich von Gott den "freien Willen" bekommen habe, alles zu tun, was ich will, mir die Gesellschaft, in der ich lebe, dies aber verbietet. Der freie Wille ist selbst in einer Demokratie stark eingeschränkt und das ist, vor allem was das Töten betrifft, auch gut so.

Also bleibt immer noch die Frage, warum Gott uns Menschen, geschaffen aus seinem Ebenbild, schalten und walten lässt, wie wir wollen. Warum greift er nicht ein, wenn Millionen von Menschen verhungern, Hunderttausende in irgendwelchen Kriegen getötet werden, wenn Krankheiten uns dahinraffen, Kinder ausgebeutet, missbraucht und getötet werden. Warum schaut er nur zu? Ist er so kalt und herzlos, dass er zuschauen kann, wenn ein Kind, gar viele davon, missbraucht werden? Schaut er einfach weg, wenn Tausende Menschen bei Giftgasangriffen verletzt werden und sterben? Und er greift nicht ein, wenn Konzerne - zur Profitmaximierung - Tonnen über Tonnen von Lebensmitteln, die locker die restliche, hungernde Welt ernähren könnten, ins Meer kippen oder sonst wie vernichten? Ist ihm das vielleicht egal?

Der freie Wille

Den freien Willen gibt es selbstverständlich nicht nur im Christentum, sondern seit es Menschen gibt. Albert Einstein soll einmal gesagt haben:

Ich weiß ehrlich nicht, was die Leute meinen, wenn sie von der Freiheit des menschlichen Willens sprechen. Ich habe zum Beispiel das Gefühl, dass ich irgend etwas will; aber was das mit Freiheit zu tun hat, kann ich überhaupt nicht verstehen. Ich spüre, dass ich meine Pfeife anzünden will und tue das auch, aber wie kann ich das mit der Idee der Freiheit verbinden? Was liegt hinter dem Willensakt, dass ich meine Pfeife anzünden will? Ein anderer Willensakt?

Im Grunde ist der "freie Wille" nichts anderes, als selbst entscheiden zu können, etwas zu tun oder auch nicht. Oder stattdessen etwas komplett anderes zu machen. Selbstverständlich kann ich mich philosophisch in unglaublich komplizierten Gedankengängen verlieren, im Grunde ist es aber einfach: Mache ich es, oder tue ich es nicht. Es bleibt meinem freien Willen überlassen. So einfach kann das manchmal sein.

Den freien Willen einschränken

Jeder Mensch, der in eine zivilisierte Gesellschaft geboren wird und dort lebt, ist in seinem freien Willen massiv eingeschränkt. Dies ergibt sich alleine aus den Gesetzen und Verordnungen, die sich diese Gesellschaft, damit ein Zusammenleben mehrerer Menschen überhaupt möglich ist, gegeben hat. Verstoße ich gegen Gesetze, weil ich eben einen freien Willen habe und diesen auch durchsetzen möchte, werde ich von der Gesellschaft bestraft.

Trotzdem bleibt auch in diesen Gesellschaften der freie Wille an sich erhalten, er wird nur durch auferlegte Gesetze eingeschränkt. Es ist mein freier Wille mir eine Pistole zu kaufen und damit eine Bank zu überfallen. Da dies aber gegen mehrere Gesetze verstößt, ist es recht unsinnig, sich vor Gericht auf den freien Willen des Menschen zu berufen. Das wird den Richter und den Staatsanwalt reichlich wenig interessieren.

Inwieweit man sich selbst diesen Regeln aussetzt und sie einhält - oder auch nicht - ist also der freie Wille eines jeden Einzelnen. Verstoße ich damit gegen Gesetze und werde geschnappt, werde ich sofort bestraft.

Die Strafe Gottes erfolgt später

Und hier greift nun der von mir so geliebte Satz...

"Gott hat dem Menschen den freien Willen gegeben!"

... weil Gott nämlich den Sünder erst nach dem Tod oder eben am jüngsten Tag bestraft. Mit unserem freien Willen dürfen wir machen, was wir wollen, bestraft werden wir im Himmelreich.

Der freie Wille in der Bibel

In der Bibel werden Sie keine Stelle finden, aus der hervorgeht, dass Gott dem Menschen den freien Willen gegeben hat. Eine solche Stelle gibt es nicht. Begonnen hat dieser freie Wille erst, nachdem die Schlange im Paradies Adam und Eva den Apfel schmackhaft gemacht hat.

Wenn man es so möchte, ist Satan daran schuld, dass wir überhaupt über den freien Willen nachdenken. Gott verbot diesen Apfelbaum und Adam und Eva haben sich daran gehalten. Erst als Satan Adam überredete, kam es ihm überhaupt in den Sinn, darüber nachzudenken. War er vorher gehorsam und hat die Anweisungen Gottes niemals hinterfragt, machte ihn Satan nun darauf aufmerksam, dass er eine Wahl habe. "Eine Wahl zu haben" ist aber gleichbedeutend mit "einen freien Willen" zu haben.

Bei dieser Geschichte stellt sich mir eine weitere Frage: Warum hat Gott die Schlange nicht vernichtet? Wie kam die Schlange überhaupt ins Paradies? Wenn Gott so allmächtig ist, warum hat er Satan nicht längst vernichtet? Warum steht in der Bibel eigentlich nicht, wie Satan entstanden ist?

Um diesen freien Willen wird viel herumdiskutiert und -argumentiert. Im Grunde ist es aber die Standardantwort auf die Frage, warum Gott all das Leid in der Welt zulässt.

Gerade finde ich folgendes Argument, warum man untereinander den freien Willen respektieren sollte:

Paulus als Vorbild

So ist es auch im Umgang miteinander. In diesem Zusammenhang ist es lehrreich, wie Paulus mit Philemon in der Sache mit dem Knecht Onesimus, der sich in Rom bekehrte, umging. Philemon 8-9: "Darum, obwohl ich in Christus volle Freiheit habe, dir zu gebieten, was sich gebührt, will ich um der Liebe willen doch nur bitten." Und weiter in Vers 14: "Aber ohne deinen Willen wollte ich nichts tun, damit das Gute dir nicht abgenötigt wäre, sondern freiwillig geschehe."

Dabei ist der folgende Satz der Wichtigste:

"Darum, obwohl ich in Christus volle Freiheit habe, dir zu gebieten, was sich gebührt, will ich um der Liebe willen doch nur bitten."

Lesen Sie ihn bitte "zwischen den Zeilen", dann werden Sie selbst erkennen, was ich meine. Mit freiem Willen hat das wenig zu tun.

Übrigens: Auf der einen Seite hat Gott dem Menschen den freien Willen gegeben, auf der anderen Seite aber seine 10 Gebote auferlegt, an die er sich gefälligst zu halten hat. Aber es ist ja mein freier Wille, mich daran zu halten, oder eben nicht. Die Strafe erfolgt dann im Himmelreich.

Auschnitt aus: "Das christliche Märchen" von Gerd Höller

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