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Kinder und Computer: Die digitale Demenz

Beim letzten Elternabend meiner Franziska (10 Jahre) wollte ich von den anderen Eltern wissen (es sind nur 9 Kinder in dieser Klasse, das wurde als nicht gerade representativ), wie lange diese Kinder an den Computer dürfen. Da wurde dann ziemlich rumgedruckst und es kam heraus, dass die meisten Klassenkameraden von 30 Minuten in der Woche (warum auch immer) bis zu einer Stunde am Tag an den Computer dürfen. Beim TV-Konsum wurde dann (ich vermute das mal) geschwindelt bis zum Abwinken, denn was ich so rausgehört habe, schaut da gar keiner Fernsehen, was sich die Kinder aber untereinander erzählen, weicht davon komplett ab.

Als ich sagte, dass meine 10–Jährige bis zu zwei Stunden am Tag an den Computer darf, bekam ihre Lehrerin (eine tolle Lehrerin und das meine ich ernst!) eine regelrechte Schnappatmung, sie fand das schlicht unverantwortlich, entsetzlich, furchtbar, schrecklich, erziehungstechnisch bedenklich und schlecht, schädlich und sogar krankmachend für's Kind.

Sie gab mir einen Flugzettel in die Hand, in der ein Manfred Spitzer zu einem Vortrag einlud mit dem Titel: "Die digitale Demenz. Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen". In diesem Buch, inzwischen ein Bestseller, beschreibt er –  einfach ausgedrückt –  dass sich die Gehirne von Kindern, die oft (oder zu lange) am Computer saßen, negativ verändert haben.

Das ist nicht ganz unumstritten, wie man z. B. in diesem Artikel lesen kann, und es erinnerte mich einen Artikel aus einer Nürnberger Zeitung in der allen Ernstes diskutiert wurde, ob das Fahren mit sieben Stundenkilometern schädlich für den menschlichen Organismus sei. Das war am 8. Dezember 1835. 

Leider ist dieses Buch von Herrn Spitzer bis in die Schulen gelangt, wo es –  zumindest bei uns –  nun auch fleißig an die Eltern verteilt wird, die manchmal –  ohne Aussagen zu hinterfragen –  darauf leider hysterisch reagieren und es bereits passiert ist, dass der Computerkonsum von Kindern um 90% reduziert wurde.

Ich finde das furchtbar und erschreckend, wenn Eltern ihren Kindern dermaßen die Zukunft verbauen. Auch wenn wir es nicht wahrhaben, nicht glauben – und vielleicht auch nicht einsehen wollen: Die Zukunft unserer Kinder ist digital! Da können wir uns noch so gegen sträuben, das wird nichts nutzen und unseren Kinder wird es Chancen verbauen, wenn sie sich z. B. auf eine Lehrstelle bewerben und Jugendliche mit Computererfahrung vorgezogen werden.

Spitzer behauptet nun in seinem Buch –  natürlich wissenschaftlich grundiert und nachgewiesen –   dass der übermäßige Konsum von Computer und Computerspielen die Gehirne der Kinder nachhaltig schädigt, dass es unsere Kinder süchtig macht und aus dem realen Leben verbannt, da sie z. B. nicht mehr zwischen realer und der fiktiven Computerwelt unterscheiden können.

In einer Pressemitteilung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung stehen dann auch klare Worte, die aufhorchen lassen und Herrn Spitzer recht geben: Ein Prozent der Menschen zwischen 14 und 65 Jahren sind internetsüchtig. Ein Prozent! Ist das nicht furchtbar?

Das sind 560.000 Menschen in Deutschland (von knapp 90 Millionen), die einen krankhaften Konsum von Computer und Internet betreiben und dadurch natürlich auch soziale und körperliche Einbußen haben. Der größte Teil davon (37%) spielen Onlinespiele, die ich selbst tatsächlich auch für sehr gefährlich halte, da die meisten dieser Spiele –  vor allem Rollenspiele –  ein tägliches "Erscheinen" in der Spielwelt erfordern, da der Spieler sonst den Anschluss verliert. Meinen Kinder ist es strikt verboten, solche Spiele zu spielen und bis jetzt –  toi, toi, toi –  konnte ich es verhindern.

Weitere 37% verbringen einfach zu viel Zeit auf Facebook & Co., was ich überhaupt nicht verstehen kann, denn was dort auf der Chronik (Pinnwand) gepostet wird ist –  in den meisten Fällen –  so bescheuert und komplett überflüssig, davon lasse ich mir meine Zeit nicht mehr stehlen. Wenn Sie meinen Blog verfolgen, dann wissen Sie, dass das bei mir auch schon einmal anders war, denn ich selbst war kurz davor, den Verstand wegen diesem Scheiß zu verlieren, habe aber –  aus eigener Kraft –  die Kurve bekommen und mich von Facebook fast komplett zurückgezogen (bis auf das Bestücken meiner Facebook-Seite mit Artikeln dieses Blogs).

Der beste Satz in der Studie der Studie ist aber:

Die aktuelle Studie weist nach, dass mit einer Diagnose der Internetabhängigkeit häufig auch andere psychische Erkrankungen wie Persönlichkeitsstörungen, Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörungen verbunden sind. Außerdem zeigen die Ergebnisse, dass die Internetabhängigkeit unabhängig von der Art der exzessiven Nutzung mit deutlichen negativen Auswirkungen auf das Sozialleben bis zur Arbeitsunfähigkeit verbunden ist.

Ersetzen Sie einfach mal das Wort Internetabhängigkeit durch Alkohol–  oder Drogenabhängigkeit. Apropos: Den Suchtbericht können Sie hier herunterladen.

Etwa 9,5 Millionen Menschen trinken Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Etwa 1,3 Millionen gelten als alkoholabhängig und jedes Jahr sterben über 73.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs.  […] Im Jahr 2010 wurden insgesamt 25.995 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 10 und 20 Jahren wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert; 2009 waren es 26.428 Personen.

Ist schon einmal jemand auf die Idee gekommen, den Alkohol deswegen zu verbieten? Und? Ließe sich das auch durchsetzen? Wir haben aus der amerikanischen Geschichte gelernt, dass sich so ein Verbot nicht durchsetzen lässt!

Jährlich sterben in Deutschland etwa 110.000 Menschen an den direkten Folgen des Rauchens. Zusätzlich ist von etwa 3.300 Todesfällen durch Passivrauchen auszugehen. Durchschnittlich verlieren starke Raucher über zehn Jahre ihrer Lebenserwartung. Mehr als die Hälfte aller regelmäßigen Raucher stirbt vorzeitig. Rauchen ist das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko unserer Zeit und wesentliche Ursache für vorzeitige Sterblichkeit.

Warum wird das Rauchen nicht verboten?

Verantwortung der Eltern

Eltern sind, das sehe ich in meinem Umfeld, mit dem Medium Computer und "wie oft setze ich meine Kind vor diesen Kasten" z. T. hoffnungslos überfordert, denn sie kennen sich schlicht nicht aus. Anders sieht das beim Fernsehkonsum aus, denn in 80% aller Haushalte läuft die Glotze den ganzen Tag!

Übrigens, 53% aller Kinder in Deutschland besitzen eine Spielekonsole, 31% ein Smartphone (meistens mit ungehindertem Zugang zum Internet), 23% einen Fernseher im Zimmer! Einen eigenen Computer dagegen haben nur 17%! Das bedeutet, dass der Rest für die Sucht den Computer der Eltern benutzt Quelle)!

So wird dann auch, die letzten Daten sind von 2010, der Fernsehkonsum, den ich für wesentlich schlimmer als das Spielen auf dem Computer halte, bei über 70% der Kinder und Jugendlichen als größte Freizeitbeschäftigung angegeben. Bei mir läuft der Fernseher, und nur das Kinderprogramm, von 18 Uhr bis 19:30 Uhr, dann geht das Teil wieder aus!

Aber auch dies löste bei der Lehrerin meiner Tochter Entsetzen aus, denn das bedeutet ja, dass die Kleine nicht nur eine bis zwei Stunden an den Computer darf, sondern auch noch 90 Minuten vor dem Fernseher sitzt. Schrecklich!

Ich kontrolliere sehr genau, was die Kleine am Computer macht. Alle Spiele, die sie spielt, sind von mir genehmigt (im Moment sind dies Minecraft, Sims3, Dont starve, Pflanten vs. Zombies (das hat sie schon durch) und auch die Webseiten, die sie besuchen darf, werden gefiltert (soweit dies möglich ist). Ich sehe nicht ein, warum ich meiner Tochter dies nicht erlauben sollte. In all diesen Spielen ist muss sie kreativ mitdenken, etwas gestalten, aufbauen und sich auf eine Sache konzentrieren.

Ich sehe dies als Chance, nicht als Fluch. Ich als Vater bin dafür verantwortlich, dass es nicht ausartet und z. B. die Internetsprache ins reale Leben hinein fließt. So verbiete ich in der normalen Umgangssprache Worte wie "lol" (für "Ich finde das lustig"), denn Kinder müssen natürlich die reale von der virtuellen Welt trennen.

Dies liegt aber in der Verantwortung der Eltern, genau wie die persönliche Sicherheit, dass Kinder keine Webseiten anschauen, die für ihr Alter nicht geeignet sind. Ich glaube aber, dass genau diese Unsicherheit dazu führt, dass Eltern ihre Zöglinge lieber gar nicht erst an den Computer lassen. Diese finden aber immer einen Weg, glauben Sie mir das.

So wäre es doch besser, wenn sich Eltern über dieses Medium informieren, als sich auf Aussagen von "Fachkräften" zu verlassen, die mit Flugzetteln auf ein sehr umstrittenes Buch aufmerksam machen und diese Eltern damit noch mehr ins Chaos stürzen.

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