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Kurzschluss oder Dummheit: Bewährung für Steidemer

Es ist März, 2013. Ein 28–Jähriger Mann aus Niederstetten, nennen wir ihn einmal Samuel, fährt mit seinem Auto durch Weikersheim. Gerade hatte er bemerkt, dass er tanken muss und wegen Geldmangels seinen Vater angepumpt. Bekommen hat er nichts. Mit zwei kleinen Hasen auf der Rückbank, die er für seine leiblichen Kinder zu Ostern gekauft hat, ist er nun verzweifelt auf der Suche nach einer Geldquelle. Er parkt und durchsucht das ganze Auto. Da findet er, in einem Wertfach unter dem Beifahrersitz eine ungeladene Schreckschusspistole. Geld findet er nicht. Aber jetzt hat er doch eine Pistole! Nach eigenen Angaben parkt er das Fahrzeug "ein paar Straßen" weiter, nimmt sich ein T-Shirt eines seiner Kinder und schlitzt, mit einem Schraubendreher, Sehschlitze für die Augen hinein. Er  zieht sich eine dicke Jacke an, steckt das vorbereitete T-Shirt, die Pistole und noch eine Kindermütze ein und macht sich auf den Weg zum Memo-Döner.

Dort wartet er zunächst bis weitere Gäste und der Sohn des Besitzes den Döner-Laden verlassen, zieht sich dann das Kinder-T-Shirt über den Kopf, setzt sich die Mütze auf und betritt den Laden. Der Inhaber glaubt zunächst an einen Halloween-Scherz und fängt an zu lachen. Da zieht Samuel die Pistole und hält sie dem Besitzer direkt an den Kopf: "Das Geld her, schnell, schnell!"

Der Besitzer bekommt es mit der Angst zu tun und weicht zurück. Samuel dauert das alles schon viel zu lange und er versucht selbst, über den Tresen hinweg, die Kasse zu öffnen. Jetzt erwacht im Besitzer, trotz großer Angst, die Gegenwehr und während er mit dem linken Bein versucht, das Öffnen der Kasse zu verhindern, greift er sich eine kleine Pizzaschaufel, um diese dem Dieb über den Schädel zu hauen. Doch dazu kommt es gar nicht, denn Samuel bekommt nun Panik, da es nicht so funktioniert, wie er sich das vorgestellt hatte. Als er nicht an das Geld kommt und auch noch im Augenwinkel sieht, dass sich der Besitzer "bewaffnet" hat, ergreift er die Flucht.

Er verlässt den Döner-Laden und rennt am verängstigten Sohn des Besitzers vorbei. Während er die Straße überquert, reißt er sich Mütze und Maske vom Kopf, was ihm dann auch zum Verhängnis wurde. Denn, wie der Zufall es so will, beobachtet dies ein Bekannter des Täters, der sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Döners aufgehalten hatte.

Was folgt sind eine Verhaftung, eine Hausdurchsuchung und drei Wochen Untersuchungshaft. Während dieser Zeit wird Samuel von einer Freundin aus Weikersheim, mit der er zusammen ein Kind hat, und deren neuemLebensgefährten unterstützt. Diese bringen ihm mehrfach Dinge ins Gefängnis und helfen bei diversen Erledigungen.

Sechs Wochen danach fährt Samuel mit einer weiteren Tochter eine Radtour von Vorbachzimmern nach Weikersheim, um dort die Oma zu besuchen. Da diese jedoch nicht anwesend war, fuhr man weiter zu eben dieser Freundin (die ihn unterstützte), doch dort war nur deren Lebensgefährte anwesend. Dieser lies Samuel und seine Tochter eintreten und da der Lebensgefährte selbst kein Auto da hatte, rief man die Freundin an, die auch bald darauf kam. Sie stimmte zu, Samuel und dessen Tochter nach Vorbachzimmern zurück zu fahren.

Während sich Samuel in dieser Wohnung aufhielt, entdeckte er, dass "überall Geld herumlag" und war der Meinung, so seine Aussage vor Gericht, dass "die ihn testen wollten!". Trotzdem entnahm er aus einer Geldbörse, die der Lebensgefährte seiner Ex-Freundin "vollkommen offen vor ihn hingelegt hatte", wie Samuel aussagte, 40 Euro. Den Geldbeutel selbst steckte er ein und entledigte sich des Beweisstückes auf dem Weg zum Auto, wo man an einer Mauer noch eine Zigarette rauchte.

20 Minuten, nachdem alle das Haus verließen rief die Mutter des Lebensgefährten an, man hätte seinen Geldbeutel gefunden, was dieser erst gar nicht glauben konnte. Nachdem er das gute Stück, natürlich leer, abgeholt hatte und die Freundin wieder zurück war, konfrontierten die Beiden Sebastian mit dem Vorwurf des Diebstahls, was dieser jedoch vehement abstritt. Daraufhin erstatteten die Beiden Anzeige wegen Diebstahls.

Die Gerichtsverhandlung

Hammer

Bei den Aussagen von Samuel vor Gericht ließen der Richter und die beiden Schöffen mehrfach ein leichtes Grinsen sehen, denn so offensichtlich, wie diese Aussage mit dem Anwalt abgesprochen war, so offensichtlich sah man auch dem Staatsanwalt an, dass dieser immer ärgerlicher wurde. Samuel versuchte in seiner Aussage vor Gericht auf seine schlimme finanzielle Lage aufmerksam zu machen (10– bis 12.000 Euro Schulden), die ihn dazu bewegt hatte, sich eine Waffe zu nehmen, sich zu maskieren, in einen Döner-Laden zu begeben und dort, laut Staatsanwalt und Richter "Angst und Schrecken" zu verbreiten. Der Besitzer des Döners sagte glaubhaft aus, sobald es dunkel würde, würde jeder neue Kunde Angstzustände bei ihm auslösen, wenn er alleine wäre.

Samuel beschrieb in seiner Aussage die eigene Angst, die er verspürte, als er den Überfall durchzog. Er habe sich dabei "fast in die Hosen gemacht" und "unheimlich geschwitzt". Eine Begründung für diese unsinnige und sinnlose Tat habe er jedoch nicht mehr. Das müsse wohl eine "Kurzschlussreaktion" gewesen sein und "so etwas würde er sicher nie wieder machen!". In seiner Wohnung wurde eine weitere Schreckschusswaffe gefunden und auf die Frage, ob er denn nicht wisse, dass man dafür einen "kleinen Waffenschein" bräuchte, antwortete Samuel mit Schulterzucken. Nein, das habe er nicht gewusst. Diese Waffen habe er von seinem Vater bekommen und nur an Silvester damit herumgeschossen. Die Waffe, die die Kripo versteckt in einem Wäschesack fand, würde auch gar nicht mehr richtig funktionieren, da würde nur noch jede zweite oder dritte Patrone richtig auslösen.

Über seinen Anwalt lies Samuel seinem Opfer ein Entschuldigungsschreiben zukommen und auch während der Verhandlung, während de Besitzer des Döners noch in der Vernehmung saß, sprang er auf einmal auf und entschuldigte sich in fast militärischen Ton. Dieser antwortete durch seine Dolmetscherin: "Ich habe die Entschuldigung gehört, sie bringt mir aber nichts."

Bei der Erklärung seiner finanziellen und privaten Situation reichte Samuels Anwalt ein Führungszeugnis des Arbeitgebers ein. Es reichte von "zu unserer vollen Zufriedenheit" bis "ein guter Teamkollege" und "sehr zuverlässig, fleißig und pünktlich", was den Richter zu der Frage veranlasste wie dies sein könne, dass er auf Arbeit so beliebt und zuverlässig wäre, privat aber vollkommen versage? Beantworten konnte Samuel diese Frage nicht. Von den 1.600 Euro Lohn müsse er 420 Euro Unterhalt für seine zwei Kinder bezahlen, er würde zwar bei seiner Oma wohnen, dort aber die Nebenkosten bezahlen, außerdem habe er seine damaligen Lebensgefährtin und heutiger Frau finanziell unterstützt, da diese auch nur einen 400 Eurojob habe und auch zwei Kinder. Diese würde in Bieberehren leben und sein Auto bräuchte ziemlich viel Sprit. Spielsüchtig sei er nicht, er habe aber Schulden bei der Bank und viele einzelne Gläubiger. Der Anwalt legte ein weiteres Schreiben vor, welches einen Termin bei der Schuldenberatung der Caritas bezeugte. Dies alles sollte wohl eine günstige Sozialprognose darstellen, was beim Staatsanwalt und dem Richter allerdings nicht wirklich ankam.

Auf die Frage hin, wie er die Untersuchungshaft überstanden habe, antwortete Samuel: "Das hat mich echt aufgeweckt, das können sie mir glauben. So etwas werde ich nie wieder machen!". Wie es dann sein könne, wollte der Staatsanwalt wissen, dass er, kaum sechs Wochen aus der Haft entlassen und mit strengen Auflagen, seine eigenen Freunde bestehlen würde? Darauf hatte Samuel wieder nur ein Schulterzucken übrig, darauf wusste er keine Antwort. Er habe auch "nur die 40 Euro entwendet, den Geldbeutel habe er liegen gelassen!"

Zu Beginn der Aussage meinte er, der Lebensgefährte seiner Freundin habe den Geldbeutel" aus dem die 40 Euro herausschauten" absichtlich direkt vor ihn drappiert, "sicher um mich zu testen". Der Lebensgefährte seiner Ex-Freundin sagte aber aus, der Geldbeutel, sein Handy und Schlüssel lagen auf einem Wäschetrockner im Arbeitszimmer. Außerdem habe er nur die 40 Euro entfernt, den Geldbeutel aber nicht. Wie dieser auf die Straße kam, dass wisse er nicht. So unterstellte auch Samuels Anwalt der bestohlenen Ex-Freundin und dessen Lebensgefährten offen den Geldbeutel selbst auf die Straße geworfen zu haben und einige Fragen, die er dazu stellte, wurden vom Richter gar nicht erst zugelassen, weil dieser sicher ahnte, wohin der Anwalt wollte und dies selbst für völlig absurd hielt. Dies hätte ja voraussetzen müssen, dass die Beiden den Diebstahl bemerkt hätten und dann hätte man doch sicher Samuel sofort auf den Diebstahl aufmerksam gemacht und die Herausgabe der 40 Euro verlangt. Den Geldbeutel dann selbst auf die Straße zu bringen wäre hier mehr als absurd gewesen.

Vor der Urteilsverkündung fragte der Richter Samuel nochmals eindringlich, ob der sich das mit dem Geldbeutel nicht noch einmal überlegen wolle, doch dieser blieb bei seiner Aussage, er habe diesen nicht an sich genommen.

Die Urteilsverkündung

Der Staatsanwalt forderte für den "versuchten schweren Raub mit Waffengewalt", sowie "illegalem Waffenbesitz" und "Diebstahl" eine Freiheitsstrafe von 2 Jahren und 8 Monaten, "milderte" dies dann aber auf zwei Jahren und vier Monate ab. Er machte deutlich, dass er nur den "Versuch" berücksichtigt hatte, da Samuel den Überfall abbrach und kein Geld erbeuten konnte. Dafür wären zwei Jahre angemessen, da es sich hierbei um eine schwere Straftat handelt. Waffenbesitz und Diebstahl sollten mit jeweils vier Monaten Freiheitsstrafe geahndet werden.

Trotz "wackeliger" Sozialprognose folgte der Richter diesem Strafmaß nicht und schickte Samuel mit zwei Jahren Gefängnisstrafe auf vier Jahre Bewährung, sowie 150 Sozialstunden nach Hause. Dies alleine aus dem Grund, da Samuel sonst seine Arbeitsstelle und soziale Kontakte verlieren würde. Außerdem unterstellte er ihn einem Bewährungshelfer. Er kam also mit einem blauen Auge davon.

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