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Konstantin Wecker im Burghof Röttingen

Konstantin wer? Fragen Sie heute mal in einer Schule nach, ob irgendeiner der Schüler auf dem Pausenhof diesen Namen schon einmal gehört hat. Sie werden viel Kopfschütteln erfahren. Zwei Jahre nach Kriegsende geboren, ein "Kinder 68er", stand dieser große, deutsche Liedermacher gestern im Burghof  Röttingen auf der Bühne und schon nach dem ersten Lied "Willi" war vergessen, das er mit 68 Jahren nicht mehr der Jüngste ist.

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Sein Geständnis, das Willi gar nicht erschlagen wurde, sondern links neben der Bühne, seit 40 Jahren, Bücher und Platten verkauft, war der Auftakt einer ehrlichen, heiteren, besinnlichen und manchmal auch politischen Reise durch 40 Jahre Liedermachertätigkeit. Aus seiner "Knasterfahrung" macht er keinen Hehl, er habe schon als 19-Jähriger, wegen eines Nachschlüssels, 5 Monate lang alle Gefängnisse Deutschlands kennengelernt, weil er, im hohen Norden verhaftet, nach München verlegt werden musste, da er dort seinen Wohnsitz hatte. Dieser Nachschlüssel war der Nachschlüssel zu einem Tresor und brachte ihm den klugen Satz des Vaters ein: "Zwischen Künstler und Verbrecher ist nur ein schmaler Grad und du taugst nicht zum Verbrecher!". Auch seinen Kokainkonsum, er wurde 2000 auf Bewährung verurteilt, kokettiert er mit den Worten dass dies "fast schon spießig" sei und seine Textzeile "mit einem Koffer Kokain" wird dann schon mal zu "einem Koffer Mondamin".

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Überhaupt spricht Wecker viel vom Vater, der ihn beeindruckt und geprägt hat, der eben kein Nazimitläufer war und auf den er, manchmal sichtlich gerührt, heute noch sehr stolz ist. Die Liebe zu seinen Eltern drückt er in Liedern voller Poesie und Liebe aus, ist aber auch politisch und provozierend, wenn er einen Richter am Spielplatz "sein Schwänzchen" raushängen lässt, damit sich dieser am "Geschrei der kleinen Mädchen" ergötzen kann, um aus seinem Alltag zu fliehen.

Konstantin Wecker ist kein Angepasster, er will den großen Themen nicht aus dem Weg gehen, sagt seine Meinung über Griechenland, singt sich in Rage zur Ausländerproblematik  und schimpft auf Stoiber, Seehofer und Konsorten. Begleitet vom – mehr oder weniger – Applaus des ergrauten Publikums.

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Mein Freund Michael und ich, beide Anfang 50, haben das Durchschnittsalter des Publikums um mehrere Jahre abgesenkt, jüngere Zuhörer waren sehr spärlich zu finden. Die Lieder von Konstantin Wecker fanden abseits des großen Mainstreams statt, da waren keine Charterfolge und keine pausenlosen Sendungen im Radio oder Fernsehen. Gerade auch wegen seiner bayrischen Mundart, in der er viele Lieder interpretiert, blieb ihm wohl der gesamtdeutsche Erfolg verwehrt, denn auch für mich waren manche Textzeilen nur schwer zu verstehen. Erst jetzt kommt er mit seinen Alben überhaupt in die Top20, 2011 mit "Wut und Zärtlichkeit" und dieses Jahr mit "Ohne Warum" schafft er es in Österreich sogar in die Top10.

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Lyrisch sind seine Lieder über alle Zweifel erhaben. Seine Stücke sind nicht einfach Lieder, seine Texte keine nichtssagenden, dem Kommerz nachjagende Zeilen, sondern vertonte Gedichte, fast schon Theateraufführungen in Minutenkürze. So schöne Metaphern und Wortgebilde habe ich selten bei einem Liedermacher gehört. "Es blühen die Magnolien und Dein Lächeln das blüht auch", wie kann man da nicht verzaubert sein? Seine Kompositionen, mit denen er seine literarischen Gedichte umgibt sind wahre Klangfeuerwerke, die den Zuhörer mitreißen und vor Staunen dessen, was da auf der Bühne passiert, manchmal nach dem Schluss eines Liedes sekundenlang schweigen lässt, bevor nach jedem Lied fast schon frenetischer Beifall über die alten Gemäuer ins Taubertal schwappt.

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Die Musiker, die Konstantin Wecker begleiten, zaubern Klangwelten auf die Bühne, wie ich sie selten erlebt habe. Begleitet wurde er von Jo Barnikel und Wolfgang Gleixner, die beide mehrere Instrumente spielten und diese oftmals während des Stückes wechselten, sowie der neuen Cellistin Fanny Kammerlander, die alle sichtlich Spaß an ihrer "Arbeit" hatten. Natürlich saß der Meister oft selbst am Klavier und manchmal in den Solis konnte er seine ehemalige Mitgliedschaft beim "United Jazz and Rock Ensemble" nicht verbergen, während er virtuos die Tasten bediente.

Zum Sound, der von der Bühne kam, sind geschriebene Worte nicht genug. So glasklar die Stimme von Wecker kam, so differenziert hörte man jedwedes Instrument. Es war ein Ohrenschmaus allererste Güte, der uns an diesem Abend geboten wurde und auch die Lautstärke war moderat. Da war kein Knacksen, kein Rauschen und kein Piepsen, was den Genuss gestört hätte, der Sound hatte wirklich CD-Qualität. Ein großes Lob an die Techniker, die das möglich gemacht haben.

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