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Warum Chris Tall sich entschuldigt (Posthalle Würzburg)

Es sollte ein schöner, lustiger Abend werden. Auch für die Familie, die vorne rechts neben der Bühne saß, mit dem Vater im Rollstuhl, seinen Kindern und seiner Frau. Am Ende musste sich Chris Tall dann öffentlich entschuldigen:

Chris Tall ist ein junger Comedian, der wirklich lustig ist. Und er macht unter dem Hashtag #Darferdas Witze über Minderheiten, weil er der Meinung ist, dass man diese Menschen wie Unseresgleichen, also wie Menschen behandeln sollten. Selbstverständlich sitzen ins einem Publikum auch Rollstuhlfahrer, denen er Fragen stellt und dann seine Sprüche spontan in das Programm einarbeitet. Dies macht er immer so. Ohne Ausnahme, in jeder Halle, in jeder Stadt, vor jedem Publikum und auch bei jedem TV-Auftritt. Wer Chris Tall kennt, der weiß das!

Doch am Dienstag, den 8.11.2016 (Posthalle Würzburg) war alles anders. Nachdem er zunächst das Handy einer Zuschauerin zerstörte, weil diese es nicht fangen konnte, als er es von der Bühne zu ihr runter warf und ihn das weinende Mädchen das erste Mal etwas aus der Bahn warf, stellte er eben jedem Rollstuhlfahrer die üblichen Fragen: Seit wann sitzt du im Rollstuhl (11 Jahre), wie ist es passiert (bei einer Polizeiübung vom Baum gefallen), ist das deine Familie, usw.

Diese Informationen baute er die nächste Viertelstunde immer wieder in das Programm ein mit Sätzen wie “Bullen sollten nicht auf Bäume klettern” und dergleichen. Dann kam der Satz, in Richtung der Tochter des Rollstuhlfahrers, der das Fass zum überlaufen brachte: “Pass auf, Mädchen, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!”

Da war es vorbei, das Mädchen schrie ihn weinend an, er solle endlich ihren Vater in Ruhe lassen. Ich saß ganz hinten, deswegen kann ich den genauen Wortlaut nicht mehr sagen, aber es entstand eine Diskussion, in dessen Verlauf Chris Tall sogar von der Bühne zu der Familie ging und sich dort entschuldigen wollte, was die Tochter, und der inzwischen auch beleidigte Vater im Rollstuhl, nicht zuließen. Chris Tall lief zum Verkaufsstand, ließ sich dort 100 Euro geben, während die Tochter rief: “Ich wünsche dass du vom Baum fällst” und er sie nachäffte “Ich wünschte, dass du vom Baum fällst, du Opfer” und im Saal war eiskaltes Schweigen. Er gab der Familie das Geld zurück und diese verließ den Saal.

Jetzt noch der Schwarze

Das muss ich erst erklären: Vor dieser Aktion fragte er in den Saal, ob denn auch Schwarze da wären und ob es okay wäre, über Schwarze Witze zu machen. Den ersten Teil des Satzes hatte ich nicht verstanden, den zweiten dann aber schon, so rief ich sehr laut: “JAAAA!” und war erstaunt, dass nur ich gerufen hatte. Es war kein Schwarzer da!

Chris dachte nun (er konnte mich ganz hinten nicht sehen), ich wäre ein Schwarzer und fragte nach meinem Namen. Ich schrie “Hadley”, er sagte “Detlef?” Ich buchstabierte “H-A-D-L-E-Y” und er sagte “Hadley? Ich nenn’ dich Detlef” und machte mit seinem Programm weiter. Unter anderem machte er dann auch Witze über Stotterer.

Nach der Aktion mit dem Rollstuhlfahrer ging er nicht sofort auf die Bühne sondern sagte: “Wenn ich schon dabei bin, gehe ich noch zu dem Schwarzen” und lief den Mittelgang zu mir. Als er vor mir stand sagte ich ins Mikrophon: “Ich bin zwar kein Schwarzer, aber ich stottere!”, das Publikum tobte. Daraufhin nahm er mich, ich meine sehr erleichtert, in den Arm und drückte mich sehr herzlich, bevor er auf die Bühne zurückging und sein Programm beendete.

Mein Fazit

Ich kann natürlich auch die Tochter des Rollstuhlfahrers verstehen, sie wollte ihren Papa beschützen (sie war 14) und war über die Sprüche sehr verletzt. Auch der Sohn scheint nicht amüsiert gewesen zu sein und so saß der Papa zwischen seinen Kindern, die eine weinte, der andere war wütend. Aber, und jetzt kommt das aber: Wer zu Chris Tall geht, das muss das wissen, ich kann mir nicht vorstellen, dass die Familie das nicht wusste. Und wenn der Comedian auf der Bühne mich dann anspricht und ich ihm antworte, damit er mit diesen Informationen arbeiten kann, darf ich nicht beleidigt die komplette Veranstaltung stören und sabotieren. Dann gehe ich einfach raus.

Es waren noch mehr Rollstuhlfahrer da und nach der Aktion haben weder die Rollstuhlfahrer (aus Solidarität vielleicht) noch jemand aus dem Publikum (aus Protest vielleicht) den Saal verlassen. Im Grunde fanden wir die Reaktion des beleidigten Vaters mit seiner Familie völlig überzogen und unnötig. Auch wenn ich es teilweise verstehen und nachvollziehen kann.

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