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Autorenlesung Niederstetten | Mein Text über Heimat

Was ist Heimat für einen, der rast- und ruhelos und daher eher heimatlos aufgewachsen ist? Bei meiner Geburt in Köln war ich 370 Kilometer von Niederstetten entfernt. Mit Sieben zogen wir nach Hürrlingen in den Schwarzwald, mit neun Jahren kam ich nach Rickenbach in ein Kinderheim. Das sind nun schon 400 Kilometer zu Niederstetten. Danach zog ich, wegen einer Kochlehre, alleine nach Waldshut an der Schweizer Grenze. Danach wieder nach Köln, dann nach Bonndorf zurück in den Schwarzwald, von dort nach Sinsheim in ein Lehrlingsheim. Das sind nur noch 120 Kilometer, ich kam also näher! Von Sinsheim nach Meckesheim, von Meckesheim nach Hardheim, von Hardheim nach Lauda, von dort nach Lauda-Königshofen. Und obwohl es nun nur noch 30 Kilometer sind, hatte ich von Niederstetten noch nie etwas gehört. Von Lauda-Königshofen ging es nach Nassau, von Nassau nach Weikersheim um dann in Elpersheim zu landen. Niederstetten? Wo soll das sein?

Das änderte sich an dem Tag Mitte der 90er Jahre, als mich eine junge Frau in Bad Mergentheim im Tanzcafe Baccara ansprach. Ich arbeitete dort als DJ und diese junge Frau schrieb 1995 in ihr Tagebuch, dass sie mich einmal heiraten würde. Da hatten wir noch kein einziges Wort miteinander gewechselt. Das war meine erste Begegnung mit der den Hohenlohern angeborenen Hartnäckigkeit. Diese junge Dame kam aus Niederstetten und sie lud mich zu sich nach Hause ein, ihre Mutter würde für uns kochen. Ich musste mich tatsächlich erst erkundigen, wie ich nach Niederstetten komme, denn ich hatte diesen Ortsnamen noch nie vorher gehört, obwohl ich bereits mehrere Jahre nur 10 Kilometer entfernt wohnte. Als ich durch Laudenbach fuhr, änderte sich die Qualität der Straße so schlagartig, dass ich mich an eine Reise erinnerte, die ich Anfang der 90er nach Gera, Jena und Eisenberg machte. Ich befürchtete Schlimmes, kam aber heil am Ort der Bestimmung an.

Ihre Mutter redete nicht viel, wozu reden, wenn es nichts zu sagen gibt? Es gab Hähnchen und Pommes, auch beim Essen wurde nicht viel geredet, der Hohenloher schaut lieber, beobachtet und bildet sich dann seine eigene Meinung, die er aber sicher nicht einem Fremden offenbart.

Trotzdem habe ich das Niederstettener Mädel geheiratet und wir zogen, zusammen mit der ersten Tochter Melissa, mitten in die Stadt. Das Unheil nahm seinen Lauf.

Die Steidemer konnten sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem eigenen Völkchen entwickeln, abgeschirmt von der Zivilisation, erreichbar nur über wenige befahrene Schotterstraßen und Feldwege und nur selten irrt sich ein Fremder in die Stadt, weil man den Ort gar nicht findet, wenn man nicht weiß, wo er liegt! Einzig und alleine der Standort der Bundeswehr spült manchmal Ortfremde in die Auen, warum diese Familien dann tatsächlich hierbleiben, ist auch der schönen Landschaft geschuldet, die jungen Leute ziehen oft in die Ferne und heiraten und vermehren sich dort.

Der Hohenloher mag seine Traditionen, seine Familie (zumindest meistens), sein Vieh und seinen Wein, Fremde mag er eher nicht und Fremde, die sich hier niederlassen, müssen sich schon beweisen, dass sie "anpacken" können, sollten sich am besten integrieren, die Vereine besuchen, beim Schützenverein mal eine Runde schmeißen, sich auf den Festen zeigen, der Fremde muss sich auf jeden Fall erstmal unterordnen und sich alles anschauen, wie das hier "so läuft" und am Besten erstmal nix sagen, nur zuschauen und lernen und wenn, ja wenn der Steidemer dann der Meinung ist, das wäre "ein ganzer Kerl", dann kann man den auch mal auf der Straße grüßen. Der Fremde braucht dazu aber Geduld, denn unter fünf Jahren oder mehr passiert eine solche Assimilation nicht. Und dann passiert Anfang 2000 etwas, womit der Steidemer nicht gerechnet hat: Er trifft auf mich! Staunend sieht er, wie ich als Mann mein Kind in den Kindergarten bringe (weil meine Frau schon auf Arbeit war), wie ich im Laden für das tägliche Kochen einkaufe, dann meine Tochter wieder abhole, mit ihr auf den Spielplatz gehe. Und der Steidemer kratzt sich fragend am Kopf: "Ja, was arbeitet der denn, wenn der soviel Zeit hat Kindsmagd zu machen?" Später sieht er, wie ich als Mann in die Elternsprechstunde gehe, mit meinen Kindern beim Arzt sitze und man fragt sich wieder: "Was arbeitet der denn, dass der immer noch Kindsmagd macht? Und wo bitte ist seine Frau?" Ich war in keinem Verein, sass bei keinem Fest, mich sah man nie in der Kirche und meine Frau sah man noch viel weniger.

Eines Wintermorgens um 6 Uhr in der Früh räumte meine Frau Schnee vor dem Haus, und die Nachbarn tuscheln: "Während der noch im Bett liegt, schickt er seine Frau zum Schneeschippen!" Was die Tuschler nicht wussten: wir stritten uns sogar darum, wer an dem Tag zum Schneeschaufeln rausgehen darf, weil es viel geschneit hatte und es dann am meisten Spaß macht. Als wir ein neues Auto bekamen, schlugen die Wellen noch höher, denn wie kann ich mir bitte, der überhaupt nichts arbeitet, einen solchen Wagen leisten? Das ist doch das Geld von der Frau, dass er da ausgibt. Der Hohenloher fragt nicht, er schaut und bildet sich dann seine Meinung. Damit hält er auch nicht hinterm Berg, nur die Person, um die es dann geht, die fragt er nicht. Fragt man dann selbst mal nach bekommt man zur Antwort: "I sooch ned sou und sooch ned sou, sonschd kummd anner und sächd, i häd sou oder sou gsoochd" und als Heimkind, das viel Lob braucht, ist eine hohenlohische Eigenart sehr gewöhnungsbedürftig, denn "nix gesagt ist genug gelobt" ist dabei nicht wirklich hilfreich!

Doch wenn man Geduld hat, viel Geduld und wenn man bleiben möchte, dann dauert es gar nicht mal so lange (nur ein paar Jährchen), bis der erste Hohenloher zeigt, was er auch sein kann: herzlich, aufgeschlossen, ehrlich, nett und wenn er Freundschaft schließt, dann ohne wenn und aber. Den ersten Hohenloher, den ich im Sack hatte, konnte mir schlicht nicht entkommen, denn er zog ein Stockwerk unter meine Wohnung. Er war mir auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, denn ich betreute schon nach kurzer Zeit seine EDV.

Er war es auch, der mir den allerersten Auftritt als mobiler DJ verschaffte, auf der Hochzeit seines Freundes Dirk. Langsam und schleichend entwickelte sich eine tiefe Freundschaft, die ich heute nicht mehr missen möchte und die er immer so beschreibt: "Das ist nur solange ich Dich hier im Büro noch brauche, ansonsten bist du sowieso ein Ungläubiger und kommst in die Hölle". Durch ihn und auch Freunde von meinen Kindern zog ich nun meine Kreise in Niederstetten und es folgten Einheimische, die sich auf einmal mit mir beschäftigten, mich akzeptierten und wovon ich inzwischen sehr viele zu Kumpels und eine Handvoll zu meinen besten Freunden zähle.

Das alles macht mich nicht zu einem Steidemer, ich werde immer der "Neigschmeckte" sein. Aber um Heimat zu fühlen, braucht es manchmal nicht viel. Als ich vor gar nicht langer Zeit im Besen in Vorbachzimmern einen Geburtstag mit Gitarre & Gesang begleitete, setzte sich am Ende des Abends einer meiner Nachbarn zu mir. Ich gebe zu, er war leicht betrunken, aber die Worte, die er sagte, werde ich nie mehr vergessen, denn sie kamen von einem aus Hohenlohe: "Hadley, ich kenne dich jetzt 15 Jahre und hab' immer gedacht, du wärst der größte Schwätzer im Ort. Aber was Du heute gemacht hast, war einfach nur toll, ich werde nie wieder ein schlechtes Wort über dich verlieren". Danach nahm er mich in den Arm.

Da fühlte ich mich angekommen. Und angenommen. Und das ist Heimat!


© Gerd Höller, Niederstetten! Keine unerlaubte Vervielfältigung, Aufführung, Druck, Kopie oder Sendung dieses Textes!

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