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Hartz4: Der soziale Abstieg?

Die meisten der Hartz4-Empfänger in Deutschland würden dies niemandem im Bekanntenkreis erzählen. Als es noch Arbeitslosenhilfe gab (das wurde nach dem Arbeitslosengeld bezahlt) hatte man diese Hemmungen nicht. Die Arbeitslosenhilfe betrug  zwischen 60 und 68% des letzten Nettolohnes, ab 1997 gab es dieses Geld bis zu einem Jahr nach Ablauf des Arbeitslosengeldes, ab 2004 wurde der Zeitraum wieder halbiert. War diese Zeit rum, gab es nur noch Sozialhilfe.

Dann kam 2005 das Arbeitslosengeld II, im Volksmund eher als Hartz4 bekannt. Dies sollte einen "Lebensstandard auf niedrigem Niveau" ermöglichen. Gleichzeitig wurden "Sanktionen" eingeführt, wenn man nicht so mitspielte, wie es das "Jobcenter" gerne hätte. Bis Ende 2019 konnten dem unwilligen Arbeitslosen bis zu 100% seiner Leistungen gestrichen werden, das bedeutet, auch die Zahlungen für die Miete wurde komplett eingestellt. Der BHG hat diese Regelung gekippt und als verfassungswidrig eingestuft. Sanktionen dürfen nun nur noch bis zu 30% des Regelsatzes verhängt werden, auch die starre Frist von drei Monaten wurde gerügt, jetzt muss die Sanktion beendet werden, wenn der "Kunde" sich wieder an die Regeln hält.

Schlechter Ruf als "Hartzer"

Statistik: Hartz IV: Leistungsempfänger von Arbeitslosengeld II im Jahresdurchschnitt von 2011 bis 2019 | Statista

Es kann Jeden erwischen, ausnahmslos! Jeder Arbeiter in Deutschland, egal welche Arbeit er vorher ausgeführt hat, und egal wie lange er gearbeitet hat: Verliert er seine Arbeit, schwebt Hartz4 über seinem Kopf! Zuerst bekommt er jedoch Arbeitslosengeld: Wer mindestens zwei Jahre in Brot und Arbeit war, bekommt ein Jahr Arbeitslosengeld. Danach wandert er ins Hartz4. Ausnahmeregelungen gibt es für Arbeitnehmer, die über 50 Jahre alt sind, weil diese einfach schwieriger wieder zu vermitteln sind. Hier kann das Arbeitslosengeld bis zu 32 Monate bezahlt werden, wenn er mindestens 5 Jahre und drei Monate gearbeitet hat. Danach gibt es dann: Hartz4!

Warum dann dieser schlechte Ruf!

Das kann ich Ihnen sagen: Schuld daran sind die unfassbaren Berichterstattungen und Sendungen im Fernsehen, die immer und immer wieder über Hartz4-Empfänger gezeigt werden. Da blickt man teilweise in menschliche Abgründe! Diese im Volksmund "Assi-TV" genannten Formate werden im Nachmittags- oder frühen Abendprogrammen der privaten Sender gezeigt und man bekommt das kalte Grausen. Sendungen wie "Familien im Brennpunkt", oder "Armes Deutschland" auf RTL2 zeichnen ein Bild des Hartz4-Empfängers, der so unglaublich falsch und verzehrt ist, das mag man gar nicht glauben, das so etwas völlig unkommentiert ausgestrahlt werden darf.

Die Wahrheit sieht anders aus

Die Zahlen sagen, dass etwa 3,9 Millionen Menschen in Deutschland Arbeitslosengeld II beziehen. Das ist aber absolut nicht der Fall! Fast zwei Millionen davon sind Kinder und Jugendliche! Bleiben 1,9 Millionen Menschen übrig. Da sind aber auch alte Menschen dabei, die keinen Job mehr finden, Kranke die gar nicht mehr arbeiten können, Behinderte Menschen die keine Arbeit finden oder Arbeitssuchende, die vom Amt in eine "Maßnahme" gesteckt wurden, um sie wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Aufstocker sind nicht arbeitslos

Auch ich bin hin und wieder ein "Aufstocker". Ich arbeite als selbständiger Musiker, das ist ein Saisongeschäft. Ab Oktober, bis in den April des folgenden Jahres, lassen die Auftritte einfach nach. In dieser Zeit gehe ich manchmal "aufs Amt" und beantrage Aufstockung, weil ich in diesen Monaten (mal mehr mal weniger) meinen Unterhalt nicht selbst erwirtschaften kann. Auch das ist eine Hartz4-Leistung, die ich voll mit eventuellen Einnahmen verrechnen muss. Ich gelte dann aber nicht als arbeitslos, denn wenn die Aufträge wieder ausreichen, melde ich mich wieder ab. Manchmal bin ich nur zwei Monate gemeldet, manchmal mehr, oder wie dieses Jahr: gar nicht!

Hier höre ich immer wieder auf meinem Youtube-Kanal, ich solle mir doch gefälligst eine Arbeit suchen und nicht als "Schmarotzer das deutsche Sozialsystem ausnutzen" und "anderen Menschen, die für mich arbeiten gehen auf der Tasche liegen!" Was soll das bitte? Wenn ein Handwerker über den Winter vom Chef zum "stempeln" geschickt wird, dann schreit den doch auch keiner an, er soll sich gefälligst eine andere Arbeit suchen? Warum ist dass dann bei einem Musiker etwas anderes als bei einem Handwerker?

Dieses Verhalten ist mir ein Rätsel

Ich erwähnte es bereits, es kann ausnahmslos Jeden erwischen. Vor Hartz4 ist niemand sicher. Es gibt Millionen Gründe seine Arbeitsstelle zu verlieren und wenn man dann keine Arbeit findet, rutscht man völlig automatisch isn Hartz4. Dieses Jahr wurden die Sanktionen entschärft, aber da bin ich nicht ganz der Meinung wie es der BGH beschlossen hat. Meiner Meinung nach hätte man die Sanktionen, auch bis 100%, lassen müssen, allerdings nur vom Regelsatz und nicht mit der Miete/Nebenkosten. 30% sind einfach zu wenig, denn es gibt wirklich Menschen, die das System gnadenlos ausnutzen. Dies ist aber ein nur verschwindend kleiner Prozentsatz, darunter leiden müssen aber alle.

Gerade auf Youtube......

... und dort in den Kommentaren fällt es mir immer wieder auf, dass sich der Begriff "Hartzer" inzwischen zu einem Schimpfwort transformiert hat und dort gerade von Kindern und Jugendlichen vermehrt und inflationär gebraucht wird. Dabei haben diese Kinder absolut keine Ahnung was Hartz4 überhaupt ist, sondern stellen alle Empfänger von ALGII auf die gleiche Stufe mit den Schwachköpfen in "Armes Deutschland". Und das ist sehr traurig, weil das einfach nicht der Wahrheit entspricht.



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