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Das ist beängstigend

Heute Nacht, kurz nach zwei Uhr, stand meine große Tochter (12) neben meinem Bett. In der Hand hielt sie eine Taschenlampe und sie sagte mit weinerlicher, sehr ängstlicher Stimme: "Papa, die Taschenlampe ist so schwer und ich muss wieder um die halbe Welt in mein Zimmer zurück!" Ich bin sofort aufgestanden und habe ihr die Taschenlampe mit den Worten "Gib mir die Lampe, ich trag' sie für dich zurück" abgenommen. Dann sagte ich noch: "Ich geh' mit dir um die halbe Welt zurück, dann bist du nicht alleine". Auf dem Weg in ihr Zimmer, keine fünf Meter entfernt, nahm ich den Fiebersaft und den Thermometer mit. Sie hatte fast 40 Grad Fieber und ich gab' ihr etwas von dem Fiebersaft. Sinkt das Fieber unter 39 Grad, verschwinden auch die Halluzinationen. Danach ging ich wieder ins Bett. Keine zehn Minuten später stand sie wieder neben mir uns sagte mit der gleichen, sehr ängstlichen Stimme: "Papa, ich werde immer dünner, bitte hilf mir!". Diesmal riet ich ihr zu schlafen und schickte sie in ihr Zimmer zurück. Erst jetzt, kurz vor elf Uhr, kam sie wieder aus ihrem Zimmer raus.

Ihrer Mutter sagte sie, sie würde sich gerne ein Buch gegen den Kopf schlagen, damit diese Bilder aufhören. Sie kann das einfach nicht ertragen. Meine Tochter bekommt Halluzinationen, wenn sie mehr als 39 Grad Fieber hat. Wir haben das erst letztes Jahr, auch um die Weihnachtszeit herum, erfahren. Bis dahin dachte ich immer, sie will nur Aufmerksamkeit erregen und hält uns zum Narren mit ihren Spielchen.

Ich gebe zu, dass ich diesem Phänomen sehr hilflos gegenüberstehe, ich kann damit nur schwer umgehen. Ich weiß ja nun, dass sie nicht dafür kann, da diese Halluzinationen aber nur minutenweise aufreten, fällt es mir irgendwie sehr schwer, auch heute nacht, ihr das Ganze abzunehmen. Ich war auch heute nacht wieder versucht ihr zu sagen, dass sie mir das ja nicht vorspielen soll. Gesagt habe ich dann aber nichts, weil ich ja sicher bin, dass sie das nicht macht.

Wie schwer muss es für sie sein, dass zu ertragen. Was macht das nur mit meiner Tochter? Sie steht mitten in der Nacht auf, nimmt ihre Taschenlampe und möchte zu mir laufen. Auf dem kurzen Weg, wirklich keine fünf Meter, wird diese Taschenlampe immer schwerer und der Weg immer weiter. Bis sie dann bei mir ist, ist sie bereits völlig verzweifelt, weil das Halten der Taschenlampe bereits ihre ganze Kraft gefordert hat. Und dann die Ahnung: Ich muss ja auch wieder zurück! Und der Weg ging doch schon um die halbe Welt!

Ich müsste eigentlich in der Lage sein, diese Qual nachvollziehen zu können, denn auch ich habe als Kind im Fieber fantasiert. Ich bin immer von irgendwelchen Gebäuden gefallen und wurde immer dicker und dicker und dicker. Bevor ich auf dem Boden aufschlug, fing ich dann aber immer an zu fliegen und flog durch Hochhäuserschluchten und konnte einfach nicht mehr landen. Ich kann mich noch heute sehr lebhaft an diese Träume erinnern, denn ich bin immer schweißgebadet aufgewacht.

Der Arzt, der meine Tochter letztes Jahr untersuchte, sagte zu uns, dass dieses Phänomen im Laufe der Pubertät aufhört, was ich aus meiner eigenen Erfahrung auch bestätigen kann. Ich habe nur Angst, dass sie nachts in ihrem Wahn einmal etwas macht, was sie ernsthaft verletzten könnte. Bis jetzt hat sie immer meine Hilfe gesucht. Hoffentlich bleibt das auch so, bis dieser Scheiß dann von alleine wieder verschwindet.
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