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Der Religionsunterricht meiner Tochter

Als meine große Tochter am Freitag von der Schule kam, bat sie mich inständig, sie aus dem Religionsunterricht zu nehmen. Dazu hatte sie mir in ihrem Aufgabenheft fünf Gründe notiert, die mich davon überzeugen sollten.

  1. Ich langweile mich zu Tode
  2. Ich glaube sowieso nicht an Gott
  3. Ich fühl mich hier völlig Fehl am Platz
  4. HILFE!
  5. Ich habe das jetzt lange genug ausgehalten - ich mag nicht mehr

Meine Tochter glaubt schon lange nicht mehr Gott. Wir haben oft darüber geredet, warum Menschen an etwas glauben, was man nicht sehen, nicht greifen, nicht begreifen kann. Ihr fiel auf, das Gott ihr noch niemals geantwortet und ihre Wünsche noch niemals erfüllt hat. Also hat sie über Gott nachgedacht und mich gefragt, ob es Gott überhaupt gibt. Meine Antwort dazu war: "Ich befürchte mal, dass es ihn nicht gibt". Sie fand es äußerst merkwürdig, dass ihr schon im Kindergarten von einem Gott erzählt wird, den es gar nicht gibt. Der immer alles sieht und der alles weiß. Der ihr Wünsche und Nöte kennt und der ihr immer hilfreich zur Seite steht. Davon hat sie, bis heute, nichts bemerkt.

Da ich sie mit meiner Befürchtung nicht alleine lassen wollte, habe ich ihr erklärt, wo Gott herkommt und warum es Gott gibt. Ich habe versucht zu erläutern, warum die Menschen einen Gott brauchen, egal wie er auch immer heißt und warum es wichtig ist, dass wir Gott (oder Götter) haben. Zu Anfangs fand sie alle Menschen bescheuert und doof, die an Gott glauben, doch ich glaube, ich habe sie inzwischen auch so weit, dass sie diese Menschen und ihren Glauben akzeptiert. Genauso möchte sie dann aber auch von diesen Menschen akzeptiert werden, weil sie eben nicht an Gott glaubt.

Im Unterricht verlangte die Lehrerin von den Kindern, Gott zu malen. Nicht, um dieses Abbild dann anzubeten, sondern weil sie wissen wollte, wie die Kinder sich Gott vorstellen. Meine Tochter gab ein leeres Blatt ab. Die Begründung dafür war einfach, kindlich und einleuchtend: "Ich kann nichts malen, an was ich nicht glaube und was es gar nicht gibt!" Sie machte der Lehrerin den Vorschlag, sie könne Gott ja so  malen, wie sie ihn sich früher vorstellte. Daraufhin malte sie "Bernd das Brot", allerdings mit Dutzenden Augen.

Ich werde mir nächste Woche einen Termin in der Schule geben lassen um zu versuchen, meine Tochter aus diesem Unterricht herauszuholen. Wir hatten diese Diskussion schon einmal und ich bat sie, sich auf den Unterricht einzulassen und als "Allgemeinwissen" einfach mitzunehmen. Ich erklärte ihr, dass dies vermutlich nur gehen würde, wenn ich sie aus der evangelischen Kirche abmelde. Dazu wäre sie bereit, das wäre kein Problem für sie. Ich erklärte ihr auch, dass sie dann nicht mehr in der Kirche heiraten dürfe, das war ihr klar. Ich erklärte ihr, dass dann auch die Konfirmation ausfallen würde, auch das war ihr klar. Wozu eine Konfirmation, da gehts eh nur wer was von wem geschenkt bekommt.

Ich mache mir so meine Gedanken über diesen "Vorfall". Die Religionslehrerin fordert die Schüler auf, ein Bild von Gott zu zeichnen. Damit verstößt sie gegen das 4. Gebot, welches für Christen sicher bindend ist, oder täusche ich mich da?

Du sollst dir kein Götterbild machen, auch keinerlei Abbild dessen, was oben im Himmel oder was unten auf der Erde oder was im Wasser unter der Erde ist.

Oder gibt es  da Ausnahmen? Anscheinend ja schon, denn niemand hält sich so richtig an dieses Gebot. Es gibt Millionen von Bilder, die Gott oder seinen Sohn darstellen. Bilder von der heiligen Jungfrau Maria (die ja auch im Himmel wohnt), eigentlich von allen Heiligen (die alle im Himmel wohnen), Bilder von heiligen Geist (der wohl auch im Himmel wohnt), Bilder über Bilder.

Der Religionsunterricht an den Schulen sollte nicht dazu dienen, die Kinder zum Glauben an Gott zu bekehren, sondern sich mit den Religionen weltweit, mit der Entstehung der Religionen und mit deren Verbreitung zu befassen. Ich halte es für sehr bedenklich, dass in diesem Unterricht unserer Kinder mit etwas konfrontiert werden, gegen das sie sich nicht wehren können.  Es gibt kein Entkommen und keinen Ausweg. Ich bin mir sicher, dass ich eine Lawine lostrete, wenn ich meine Tochter aus der Kirche abmelde. Dies möchte sie aus freien Stücken, ich habe sie sicher nicht dazu überredet. Mit es es klar, dass sie, in unserer Gesellschaft, über viele Hürden klettern muss, wenn sie einmal in einem Formular unter Religion "konfessionslos" angibt.

Ich selbst habe mich damit arrangiert. Ich lasse den Leuten ihren Glauben, verlange aber Toleranz und Verständnis, dass wir nicht daran glauben. Ich werde nächste Woche sehen, wie weit diese Toleranz in Niederstetten reicht. Ich werde es sicher nicht dulden, dass irgendjemand meine Tochter besucht, um sie zum Bleiben in der Kirche zu überreden.

Dies werde ich entschieden zu verhindern wissen.

Nachtrag vom 01.10.2012

Meine Tochter hatte inzwischen ihre Erweckung und ist in den Religionsunterricht und damit in die Arme Gottes zurückgekehrt. Wie es mir als Atheist dabei geht? Gut, was dachten Sie denn? Wenn meine Tochter sich für ein Leben mit Gott entscheidet, dann ist das keine schlechte Entscheidung. Ich hoffe nur, dass sie sich nicht zu sehr auf seine Hilfe verlässt, denn dann könnte sie leicht vergessen, selbst etwas zu tun.

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