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Das "Was wäre wenn" - Spiel

Ist es nicht müßig über Dinge nachzudenken, die "hätten gewesen sein können"? Diese "was wäre wenn"-Spiel, das man tagtäglich in seinen Tagträumen und nachts vor dem Einschlafen im Bett spielt? Was wäre gewesen, wenn ich nicht im Kinderheim Mülheim gewesen wäre? Wäre ich dann auch nicht im Kinderheim Rickenbach gewesen? Hätte ich dann auch nicht das Lehrlingsheim Sinsheim besuchen müssen? Wäre ich dann überhaupt 4 Jahre zum Bund gegangen?

Um diese Frage zu beantworten, müsste ich die Zeit zurückdrehen. Mitte des Jahres 1964 müsste ich meinem Vater ausreden, wieder kriminell zu werden. Er hätte sich dann nicht, nach einer Gefängnisstrafe, nach Belgien absetzen müssen. Ich müsste meine Mutter umerziehen, die zu dem Zeitpunkt bereits 5 Kinder hatte (mich mit einberechnet), einer davon in einem Behindertenheim (er hat das Downsyndrom), zwei im Kinderheim Köln-Mülheim. Nur Eva, meine bereits verstorbene Stiefschwester, war zu Hause. Warum sie das war, kann mir leider keiner mehr beantworten. Sie war damals 11 Jahre alt. Meine Mutter war, das weiß ich heute, mit der Gesamtsituation völlig überfordert. Das Jugendamt begleitet meine Mutter bereits eine ganze Weile, mir liegt von Anfang 1966 ein Bericht vor. Dort ist die Rede von Überforderung, desolatem Zustand, Schmutz und Dreck, Verwahrlosung und meiner Schwester Eva, die mit ihren 11 Jahren versucht den Haushalt aufrecht zu erhalten. Da war ich selbst ein Jahr alt. Wo mein Vater war? Ich vermute im Gefängnis, da war er öfters mal wegen kleiner Betrügereien, illegalem Glücksspiel und solchen Dingen. Ein Kleinganove eben. Kölsche Jung, immer "was am Laufen". Und was hat meine Mutter gemacht? Schließlich war sie zu Hause? Sie hat nichts gemacht, gar nichts. Durch eine Kriegsverletzung, sie bekam die Klinke einer Bunkertür ins Auge, worauf sie das Auge verlor, war sie invalide und verhielt sich auch so. Sie machte nichts. Geld bekam sie damals schon genug, denn durch den Tod ihres ersten Mannes, der sich später erhängt hat (an der Balkontüre in ihrem Wohnzimmer), bekam sie Witwenrente. Dann noch Invalidenrente. Und Hinterbliebenenrente. Das war schon damals ein erkleckliches Sümmchen.

Was sie mit dem ganzen Geld machte? Ich weiß es nicht. Sie gab es entweder mit vollen Händen aus oder mein Vater hat es abgegriffen. Oder die diversen Männer, die mitbekamen, dass sie, was zumindest den monatlichen Geldzufluss anging, nicht gerade arm war. Von Geld habe ich in meiner kompletten Kindheit, falls man das so nennen kann, nie etwas gesehen. Im Gegenteil. In den Siebzigern nahm sie mich und meinen kleinen Bruder mehrfach mit in die KKB-Bank, um nach Geld zu betteln. Das Konto war hoffnungslos überzogen, weil sie aus Katalogen alles bestellte, was ihr gefiel. Bis die Ratenzahlungen den Geldeingang überstiegen. Dann drehte die KKB den Hahn zu und meine Mutter bekam nicht mal mehr Geld für den Lebensunterhalt.

Was wäre also gewesen, wenn mein Vater ein braver Arbeiter gewesen wäre und meine Mutter eine fürsorgliche, liebende Hausfrau? Wir sind (waren) sieben Geschwister, für die damalige Zeit nichts ungewöhnliche, damals haben die Familien noch Kinder bekommen. Vater würde vielleicht noch leben, ebenso meine beiden bereits verstorbenen Geschwister. Wir wären eine verschworene Gemeinschaft, würden uns täglich gegenseitig anrufen, uns helfen und unterstützen. So wäre es gewesen.

Stattdessen ist mein Vater in Belgien verstorben, wo er nochmals von vorne begann und in der Stadt Roeselare in Belgien eine neue Familie gründete. Ich habe dort eine Stiefmutter und Stiefgeschwister, die ich noch nie gesehen habe. Meine Mutter, inzwischen 88 Jahre alt, lebt im Schwarzwald und macht das, was sie die letzten 70 Jahre gemacht hat: nichts. Sie sitzt den ganzen Tag auf dem Sofa und schaut fernsehen. Mein Bruder Udo und meine Schwester Eva sind tot. Bei Udo ist es gut so, er hat es wirklich nicht anders verdient und bei Eva ist es eigentlich schade. Sie war eine verwirrte, fehlgeleitete, liebe Person, drogen- und alkoholsüchtig, immer auf der Suche nach Liebe. In den Armen eines falschen Mannes ist sie gelandet und daran zerbrochen. Ihr eigener Sohn fand sie leblos im Bett, nachdem ein Jahr zuvor ihr Mann von einem Lastwagen überfahren und getötet wurde. Über den Sohn, Marcel weiß ich gar nichts, ich habe ihn noch niemals gesehen. Udo fiel eines Tages einfach tot um. Er hat noch gefrühstückt, stand dann auf, fiel lang hin und war tot. Das ist bereits viele Jahre her und ich weine ihm nicht eine Träne nach.

Mein Bruder Heinz-Willi ist das, was man einen klassischen Verlierer nennt. Bereits mit 16 alkoholabhängig, faul, stinkend. Macht mehrere Alkoholkuren, heiratet, verliert ein Kind, weil er, natürlich besoffen, die Schreie des Kleinen nicht hört, der dann in Erbrochenem erstickt. Und wurde erzählt, es hätte sich um Kindstot gehandelt, seine Ex-Frau sagt da was anderes. Heute lebt er im Schwarzwald, ist 55 Jahre alt und hat nichts. Er ist ein seelisches und körperliches Wrack, seine Zähne sind kaputt, seine Leber ist kaputt und sein Leben ist kaputt. Natürlich lebt er von der Stütze, hat sich seinen Verstand und seine Talente weggesoffen und lebt nur noch in den Tag hinein.

Mein kleiner Bruder Stefan, der ebenfalls lange Zeit im Heim war, ist im Frankfurter Raum untergekommen, wir haben uns meilenweit voneinander entfernt. Wir waren nie das, was man Brüder nennt, und heute kann ich mit dem Leben, was er führt, mit seinen Neigungen, paranoiden Wahnvorstellungen, absurden Verschwörungstheorien und erfundenen Kindheitsgeschichten nichts anfangen. Ich habe ihm oft die Hand gereicht, auf die er draufgekackt hat. Höhepunkt der Bruderliebe war sogar ein Gang meinerseits zum Anwalt, nachdem er mich noch auslachte und verhöhnte. Zum Glück ist er inzwischen, nach dem Tod seine "Mannes", abgetaucht. Seine Homepage ist verschwunden, seine Präsenz im Internet erloschen. Aber ganz hinten, gaaaanz weit hinten in meinem blöden Hirn, da vermisse ich ihn. Wäre vielleicht doch schön, wenn er mal anruft. Wäre vielleicht doch schön, wenn er sich in psychologische Behandlung begeben würde, die seinen Kopf wieder entrümpelt und die ganze Scheiße, die sich in den letzten 30 Jahren dort angesammelt hat, mit der Mistgabel entfernt. Ich selbst bin seit Jahren in Behandlung und werde nun auch immer ruhiger. Ihm kann das sicher auch nicht schaden.

Dann ist da noch die Roswitha, dazu möchte ich mich nicht so gerne äußern. Das ist zu privat und geht keinen was an. Aber Roswitha mag ich, die ist in Ordnung. Mehr sage ich nicht.

Und was ist mit mir? Was ist von mir übrig? Ich bin übrig! Und ich werde immer mehr. Mit jedem Tag, an dem ich die Ketten meiner Kindheit abstreife, mit jedem Tag, an dem ich nicht frage "Was wäre gewesen, wenn..." sondern sage "So bin ich, weil das so war", erobere ich mir Stück für Stück in das Leben, das ich mir in 21 Jahre Kind- und Jugendzeit verdient habe. Ich werde jeden Tag, mit jedem neuen Erfolg, angstfreier, stressfreier und es macht Spaß, mich selbst dabei zu beobachten, wie ich auf manche Dinge reagiere und merke, vieles lässt mich heute schmunzeln, wo ich noch vor 10 Jahren völlig ausgeflippt wäre. Ich verliere meine Ängste, die mich mein Leben lang gefesselt und eingesperrt habe und bemerke dabei, dass die Luft, die ich zum atmen und leben brauche, immer mehr wird.

Doch es gibt auch Dinge, die kann man nicht alleine schaffen, da muss man sich einfach Hilfe holen. Diese Dinge, die das Leben wesentlich mehr prägen, als man selbst es bemerkt, diese Dinge, die einen völlig unterbewusst in manchmal eine völlig falsche Richtung steuern, diese Dinge gilt es aufzuarbeiten und einem Menschen anzuvertrauen, der die Energie, die man an diese Dinge verschwendet, in positive Energie umzuwandeln. In positive Energie, ohne die ein glückliches Leben einfach nicht möglich ist. Und ich brauche mehr, viel mehr von dieser positiven Energie. Für meine Kinder, meine Frau, meine Freunde.

Und für mich.


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