Skip to content

Evolutions und Kirche

Bei meinen Recherchen zu meinem Buch über die christliche Religion habe ich bereits mehr als ein Dutzend Bücher gelesen, mehrere Artikel aus Zeitschriften gespeichert, annähernd hundert PDF-Dateien durchforstet und Hunderte von Webseiten gelesen. Ich habe nicht immer alles sofort, manches aber zumindest nach mehrmaligem Durchlesen verstanden, wenn auch oftmals nur teilweise.

Doch was ich gestern erleben durfte, dass ist für mich als wissenschaftlicher Laie, wirklich unfassbar. Gestern musste ich lernen, dass man ein 28 Seiten langes Dokument lesen kann, ohne auch nur den Sinn zu verstehen. Doch der Reihe nach.

Ein Buch über das Christentum zu schreiben bedarf umfassender, gründlicher Recherche. Ich arbeite bereits seit über einem Jahr daran, was nicht wundert, sieht man die Vielschichtigkeit der Religion, der Meinungen darüber und natürlich der einzelnen Glaubensrichtungen innerhalb dieser Religion. So kam ich gestern an die Evolutionstheorie, die immer noch, gerade in religiösen Gesellschaften mit einer Schöpfungsgeschichte, nicht unumstritten ist. Nimmt man die Genesis aus dem Buch Moses vor, dann hat auch das Christentum eine Schöpfungsgeschichte, die der Evolutionstheorie widerspricht. Gott hat die Erde nicht in 3 Milliarden Jahren, sondern in 7 Tagen erschaffen. Dieses Dogma galt lange, bis zu Charles Darwin, als unumstößlich, denn man wusste es einfach nicht besser.

Der größte Feind der Kirche ist die Wissenschaft. Schon als das niedere Volk begann in die Schule zu gehen und lesen zu lernen, sah die Kirche ihre Felle davonschwimmen. Einem dummen, abergläubigen Volk, erzogen von der Kanzel herab, kann man alle Dogmen aufzwingen, die man für nötig hält, um den Machtanspruch der Kirche zu sichern, der bereits Anfang des 18. Jahrhunderts immer mehr zu schwinden begann. Angefangen mit Galileo Galilei, der auf einmal behauptete die Erde wäre eine Kugel und drehe sich um die Sonne, bis zu Charles Darwin, der Gottes größte Schöpfung, die Erfindung des Menschen infrage stellte, begann die Wissenschaft, nach und nach alles infrage zu stellen, was die Kirche mehr als 1.000 Jahre lang aufdiktiert hatte. Je klüger der einzelne Mensch wurde, je mehr er die Fähigkeit bekam Dinge zu ergründen und zu hinterfragen, umso mehr stand die Kirche im Kreuzfeuer der Kritik. Die Mutter Jesu eine Jungfrau? Lächerlich! Jesus ging über das Wasser? Menschen können so etwas nicht! Er machte Wasser zu Wein? War er etwa ein Zauberer? Gott erschuf die Erde in 7 Tagen? Wo kommen dann die Dinosaurier her? Die fossilen Knochen vormenschlicher Kulturen? Die Kirche kam immer mehr in Erklärungsnot. Gerade die Theorie der Evolution, die meines Erachtens nach längst bewiesen und damit eigentlich keine Theorie mehr ist, setzt die Kirche immens unter Druck. Wie lässt sich die Evolutionstheorie im Biologieunterricht an unseren Schulen mit der Schöpfungsgeschichte im Religionsunterricht vereinbaren? Durch neue Dogmen der Kirche? Gar nicht? Oder einfach nicht darüber reden?

Bei meiner Suche nach Antworten stieß ich im Internet auf eine „Denkschrift“ der evangelischen Kirche (Download), die als Anleitung für dieses Problem an den Schulen geschrieben wurde. Sie soll unseren Lehrern dazu dienen, die Evolutionstheorie in Biologie und den Schöpfungsakt der Kirche miteinander zu vereinbaren. Ob das jemals ein Lehrer gelesen hat, das kann ich natürlich nicht sagen. Ob er es auch verstanden hat, das wage ich zu bezweifeln. Diese „Denkschrift“ mit dem Namen „Weltentstehung, Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube in der Schule. Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland" können Sie im Internet herunterladen, ausdrucken und sich zu Gemüte führen. Wenn sie auch nur ein Wort davon verstehen, dann rufen sie mich bitte an und erklären es mir.

Ich möchte ihnen nun nicht die ganzen 28 Seiten näher bringen, sondern nur Ausschnitte daraus, damit sie erahnen können, auf was sie sich einlassen, wenn sie sich an diesen Text wagen. Geschrieben wurde er von Prof. D. Michael Beintker und Prof. Dr. Friedrich Schweitzer in einem Wortstil, wie ich ihn noch nie zuvor erleben durfte. Satzformulierungen, Wortspiele und eigene Deutschkreationen wechseln sich ab mit Fremdwörtern, die ich noch niemals zuvor gehört habe. Ein Beispiel:

"Bildung meint den Zusammenhang von Lernen, Wissen, Können, Wertbewusstsein und Handeln im Horizont sinnstiftender Deutungen des Lebens"

"Der Kreationismus ist vielmehr eine Verkehrung des Glaubens an den Schöpfer in einer Form der Welterklärung, die letztlich dazu führt, dass das Bündnis von Glaube und Vernunft aufgekündigt wird."

"Die sie verbindende Frage nach Wahrheit löst sich in der Pluralität von Erkenntnisebenen auf."

Solche Sätze muss ich als ehemaliger Hauptschüler dreimal lesen um den Sinn zu verstehen.

"Die am besten bewährte physikalische Theorie wird schließlich niemals die staunende Erfahrung angesichts der Schönheit des Universums ersetzen können oder ersetzen wollen; die am genauesten mathematisierte oder digitalisierte Sprachgestalt wird Poesie und poetische Sprache nicht überflüssig machen; eine noch so exakte psychologische Forschung über menschliche Sozialbeziehungen kann niemals an die Stelle einer Liebeserklärung zwischen zwei Menschen treten."

Verstehen sie nun, was ich meine? Ich stellte mir die Frage, für wen dieser Text geschrieben ist. Dient er dazu, uns zu verwirren? Was will der Text uns sagen? Ehrlich: Ich weiß es nicht, denn ich habe nur wenige Aussagen darin wirklich verstanden.

"Die Himmel scheiden, die Erde bringt hervor, die Gestirne regieren und die Menschen erhalten den berühmten Herrschaftsauftrag. Eine Entgegensetzung von Schöpfung und Evolution wäre also bereits dem wichtigsten Klassiker unter den biblischen Zeugnissen fremd."

"Der Glaube an den Schöpfer nimmt den Kosmos und die Biosphäre anders wahr als die experimentell gestützten Wissenschaften. Er bewegt sich in Dimensionen, die auf einer anderen Ebene liegen als die Gegenstände der modernen Naturwissenschaften. Diesen bleiben die Dimensionen des Wirklichen, die im Glauben an den Schöpfer benannt und erkannt werden, verschlossen."

Den letzten Satz hab ich verstanden: Den experimentelen Wissenschaftlern bleibt die Wahrheit des Wirklichen, also das Dogma, dass Gott der Herr der Schöpfung ist, verschlossen. Damit erhebt der Schreiber dieser Zeilen den Glauben an Gott, einem eigentlich theoretischen Wesen, über die theoretische Wissenschaft und stellt Letztere als Verlierer hin. Das ist aber einer der wenigen Sätze, die ich, im tieferen Sinne der Aussage die getroffen werden soll, verstanden habe. Den Kern, wie nämlich der Schöpfungsgedanke der Christen mit der darwinistischen Theorie der Evolution im Unterricht an den Schulen vereinbar ist, diesen Kern habe ich im ganzen Text nicht gefunden. Der arme Lehrer, der das in seinem Fach findet und lesen muss. Ich kann mir vorstellen, wie er auf diese Zeilen starrt und denkt: Was will dieser Text uns mitteilen? Was will er uns sagen? Wie soll ich das jetzt anwenden?

Zum Abschluss dieses Aufsatzes möchte ich ihnen aber etwas schenken. Wenn Sie einmal etwas Langeweile haben, können sie ja im Internet recherchieren, was diese Wort, Worthülsen und neue Wortkreationen bedeuten. Wikipedia und Google werden ihnen dabei sicher behilflich sein. Zum Abschluss ein paar Fremdwörter und seltsame Wortgebilde, die ich auf den 28 Seiten gefunden habe. Viel Spaß damit!

- Kosmologie
- Antrophologie (das kennt nicht mal der Duden)
- quantifizierbare Ausschnitte
- physikalisches Erkenntnisobjekt
- mathematisierbare Erfahrungszusammenhänge
- avancieren
- dogmatisieren
- Absolutsetzung
- wissenschaftliche Daseinsäußerung
- Szientismus
- eminente Herausforderung
- latente Tendenz
- kosmologische Implikationen
- Kosmotheologie (kennt der Duden auch nicht)
- wörtliche Inspiriertheit
- antikirchlicher Ultradarwinismus (dito)
- Neo-Kreationismus (dito)
- berechnende Terminierung
- teleologischer Gottesbeweis (das "teleologisch" ein kein Rechtsschreibfehler)
- kreatürliche Prozesse
- Wahrscheinlichkeit der Erschließungskapazität
- Unterscheidung der Erkenntnisebenen
- doktrinärer Marxismus
- ultradarwinistisches Weltbild
- moralisch-evaluative Rationalität
- kategoriale Unterscheidung
- konstitutiver Ausgangspunkt
258 Klicks