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Das erste Kapitel meiner Biographie

Heute, vor 46 Jahren, wurde ich geboren. Und dieses Jahr wird nun auch meine Biographie veröffentlicht an der ich über 10 Jahre gearbeitet habe. Aus diesem Anlass möchte ich Ihnen gerne heute das erste Kapitel in der unbearbeiteten Rohfassung zum lesen schenken:

Wie alles begann

Am 27. Januar 1965 gebar Liselotte einen Sohn. Mich. Sie hatte schon fünf weitere Kinder, da war ich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Zuerst bekam sie Günter-Albert (1951), er wurde mit dem Downsyndrom geboren und lebt heute noch in einem Heim. Ich selbst habe ihn nie gesehen und auch erst vor ein paar Jahren von seiner Existenz erfahren. Es folgten Heinz-Willi (1955), Eva-Maria (1957), Udo und Roswitha (1959). Im Januar 1965 kam ich. Später folgte, als Nachzügler, noch mein leiblicher Bruder Stefan (1967). Angeblich soll der Arzt bei meiner Geburt zu meiner Mutter gesagt haben: „Sind sie schon wieder da!“

Sie nannte mich Hans Gerhard, heute nennt mich jeder Gerd. Laut Geburtsurkunde heiße ich aber Hans. Was für ein blöder Name. „Hans im Glück“. Das wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurige Begleitumstände gegeben hätte. Meine fünf Geschwister, allesamt von einem anderen Mann und damit natürlich nur Halbgeschwister, lebten bei meiner Geburt, bis auf eine Ausnahme, bereits im Heim. Und die nannten mich alle Hans-Gerd. Ich mag den Namen nicht. Ich hasse ihn. Nennt mich nicht so! Wirklich wahr.

Meine Mutter wohnte in einer kleinen, völlig verwahrlosten und verdreckten Wohnung in der Nähe von Köln. Sie lebte zu dem Zeitpunkt mit meinem leiblichen Vater Gerhard bereits in Scheidung, ihr erster Mann war tot. Mit in der Wohnung wohnte meine Stiefschwester Eva-Maria, gerade mal 8 Jahre alt und versuchte den Haushalt auf Vordermann zu bringen. Dies geht aus mehreren Berichten des Jugendamtes hervor, die ich zu lesen bekam. Was ihr allerdings nicht gelang, wie denn auch, sie war ja selbst noch ein Kind. Im Februar ’65 wurde ich getauft. Ein Bruder meines Vaters, Bernhard, wurde mein Taufpate. Das weiß ich auch nur, weil ich 2007 kirchlich heiraten wollte und ein Taufregister gebraucht habe. Dort stand sein Name. Und von ihm habe ich dann erstmals etwas „aus erster Hand“ über meinen Vater erfahren. Meine Mutter hat nie gut über ihn geredet. „Wenn er uns findet, dann schlägt er uns alle tot.“ Das erzählte sie ständig. Ich habe das irgendwann einfach nicht mehr geglaubt und alles als eine große Lüge empfunden. Sicher hat sie ihn mit ihrer Raucherei vergrault. Sie hat immer geraucht, wie ein Schornstein. Ich kenne sie eigentlich nicht ohne eine Zigarette in der Hand. Aber von meinem Taufpaten erfuhr ich jetzt die Wahrheit, und diese ist von den Erzählungen meiner Mutter gar nicht so weit entfernt. Er war wohl tatsächlich ein Gangster, vorbestraft, mehrfach im Gefängnis gewesen. Sein Beruf wird als Schrotthändler angegeben, was immer das damals auch war. War vielleicht besser das ich nicht bei ihm aufgewachsen bin, aber wer kann das nach so vielen Jahren schon wissen? Wahrscheinlich könnte ich dann jetzt ganz gut Autos knacken. Und den kalten Winter im Knast verbringen. Dann bräuchte ich mir keine Sorgen um die steigenden Ölkosten zu machen. Aber Schluss damit, denn wie es gekommen ist, so ist es gekommen und ändern kann ich es sowieso nicht mehr.

Bei mir zuhause muss es furchtbar gewesen sein, die Berichte des Jugendamtes lassen keinen anderen Schluss zu. Dort ist die Rede von desolatem Zustand, Verwahrlosung und ärmlichsten Verhältnissen. Der Beamte vom Jugendamt kam öfter zu Hausbesuchen vorbei und es gefiel ihm überhaupt nicht, was er sah. Vermutlich aus diesem Grund kam ich Anfang 1966 zum ersten Mal ins Heim „Elisabeth-Breuer-Stift“ in Köln-Mühlheim. Ich wurde meiner Mutter weggenommen und einfach eingeliefert. Sicher dachten die beim Jugendamt: “Alles ist besser als dieses Zuhause.“

Was wussten die schon? Die wussten gar nichts. Mühlheim! Der Vorhof zur Hölle. Dort befanden sich ja auch meine Stiefgeschwister und keiner hat gewagt, etwas über die Zustände in diesem Heim zu berichten. Das finde ich heute sehr seltsam. Aus allen Ecken kommen sie in den letzten Jahren gekrochen und verklagen Gott und die Welt (vor allem Gott!) und wollen Gerechtigkeit. Oder Geld. Eher wohl das Geld. Als ob das etwas bringen würde. Kein Geld der Welt kann das ungeschehen machen was sie mit mir und meinen Leidensgenossen angerichtet haben. Deswegen verstehe ich diese ganze Aktion auch nicht. Allen voran schreitet Herr/Frau Henriette Schuster (Name geändert) und kommt aus dem Verklagen und Proleten gar nicht mehr raus. Anstatt sein/ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, verklagt er/sie jeden, der jemals mit ihr zu tun hatte.

Im November ’66 holte mich mein Vater wieder nachhause. Inzwischen waren meine Eltern geschieden worden. Er wohnte zusammen mit meiner Mutter, seiner neuen Frau, meiner Stiefschwester Eva-Maria und meiner Wenigkeit unter einem Dach. Und Mutter war hochschwanger (angeblich von ihm). Nochmal zum Mitschreiben und langsam lesen: In der kleinen Drei-Zimmer-Wohnung wohnten zu dem Zeitpunkt meine Mutter (hochschwanger), ihr geschiedener Mann (mein Vater), dessen neue Frau, meine Schwester Eva-Maria, ab Januar 1967 mein Bruder Stefan und natürlich meine Wenigkeit. Was für ein Chaos! Sicher hat er mich nur wegen des Kindergeldes nachhause geholt, immerhin 50 Mark. Das ist schon was. Mutter bekommt außerdem eine stattliche Rente vom Staat. Ich will nicht so streng sein, vielleicht mochte er mich ja auch, schließlich war ich ja sein Sohn. Und meine Mutter ist schon wieder schwanger. Von wem? Woher soll ich das wissen? Angeblich ja von meinem Vater. Also hatte er wohl ein Verhältnis mit ihr, während er zusammen mit seiner neuen Frau – ach, lassen wir das, das wird zu kompliziert. Sie selbst spricht da auch nicht drüber oder lügt nur rum. Und jemand anderen kann ich ja nicht fragen. Ihr erster Mann, ein ehemaliger Soldat der Wehrmacht, hatte sich erhängt, weil er den ständigen Beleidigungen/Drohungen meines Vaters nicht mehr gewachsen war. Er hatte ihn ständig schikaniert und erniedrigt. Eines Tages nahm sich der Mann einen Strick und erhängte sich im Wohnzimmer an der Klinke der Balkontüre. Um zu zeigen: „Schaut her, das habt ihr erreicht!“ Uns wird bis zum heutigen Zeitpunkt erzählt, er hätte vom Krieg eine Kugel im Kopf gehabt und hätte die Schmerzen nicht mehr ertragen. Lügen konnte sie schon immer gut.

Wir lebten also alle zusammen in dieser kleinen Wohnung. Und scheinbar gab Mutter entweder freiwillig oder gezwungen eine Menge von ihrem Geld an meinen Vater ab. Doch bald hatte sie über 2.000 Mark Mietschulden. Obwohl es uns gut gehen sollte, denn sie bekommt für die damalige Zeit wirklich einen Haufen Rente. Sie ist Kriegsinvalide, verlor an einer Bunkertür ein Auge, und bekommt Witwenrente, weil der erste Mann ja Soldat gewesen war. Noch heute, sie sitzt immer noch den ganzen Tag auf dem Sofa, bekommt sie sagenhafte 2.000 Euro Rente. Stellen sie sich das mal vor, 2.000 Euro! Jeden Monat! Fürs absolute Nichtstun. Was für eine Verschwendung! Aber mein Vater hatte damals für das Geld eine andere Verwendung. Er spielte, wettete, das ganze Geld wurde verzockt, wir Kinder verwahrlosten immer mehr. Der Vater musste irgendwann ins Gefängnis, die Stiefschwester Eva-Maria, selbst noch ein Kind, regelt den Haushalt mehr schlecht als recht. Mutter war ihr dabei keine große Hilfe. Sie lag immer nur auf dem Sofa oder auf dem Bett und rauchte eine Zigarette nach der anderen.

Seit Januar 1967 hütete Eva-Maria, 10 Jahre alt und ihrer Kindheit beraubt, also schon zwei kleine Kinder und versuchte alles im Lot zu halten. So weit, wie ein Kind das halt schaffen kann. Heinz-Willi, Udo und Rosi waren immer noch im Kinderheim Mühlheim untergebracht. Nun also noch ein Maul zu stopfen und ein Arsch zu wischen. Stefan fiel einmal vom Wickeltisch, seitdem ist seine Hüfte schief. Das erzählt er immer. Im November 1967 kommt es dann zum Kollaps, die Mutter wurde in eine Augenklinik eingewiesen, die Kinder dem Jugendamt unterstellt. Mein Vater hatte sich nach seinem letzten Gefängnisaufenthalt wegen Betrugs endgültig aus dem Staub gemacht. Lebte lange Jahre in Belgien, war vermutlich bei der Fremdenlegion. Starb dort in den Achtziger Jahren, hatte wieder geheiratet und auch dort Kinder bekommen. Ich hab’ also Stiefgeschwister in Belgien. Die lerne ich vielleicht auch bald mal kennen. Stefan kam 1967 ins Kinderheim „Maria Schutz“ nach Overath. Eva und ich zurück nach Mühlheim. Warum das Jugendamt uns Geschwister getrennt untergebracht hatte, das konnte ich nicht mehr in Erfahrung bringen. Die Höllenpforte öffnete sich zum zweiten Mal und sollte mich erst nach vier langen Jahren wieder ausspucken. An die Zeit vor meiner Einweisung nach Mühlheim habe ich keinerlei Erinnerungen, doch wer erinnert sich schon an die Zeit, in der er noch sehr jung war? An meinen Vater kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern, wie soll das auch gehen, ich war ja erst zwei Jahre alt. Leider gibt es auch keine Bilder von ihm, sodass ich nicht mal diesen Anhaltspunkt habe. Ich nehme mir schon lange vor meinen Onkel Bernhard zu besuchen, der ja auch nicht mehr der Jüngste ist, aber Köln ist mir zu weit weg.

Vor allem ändert es ja auch nichts mehr. Trotzdem denke ich oft daran nach Belgien zu fahren und zumindest zu erkunden, wie mein Vater die letzten Jahre so verbracht hatte.

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