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Muttertag

Draußen auf dem Balkon hat es 26 Grad, es geht ein feiner, sanft kühlender Wind. Mit einer Tasse Kaffee sitze ich im Schatten, nachdem ich ausgiebig gegessen habe, und hänge meinen Gedanken nach. Heute ist Muttertag. Meine Kinder haben kleine Geschenke gebastelt und meine Frau hat sich gefreut. Jeder denkt heute an seine Mutter, bringt Pralinen mit, ruft an, schaut vorbei. Jeder? Sicher nicht.

Muttertag.  Wie so vieles kommt auch dieser Gedenktag aus den USA. So wie Halloween. Oder der Irakkrieg. Hitler hat den Muttertag 1933 zum offiziellen Feiertag ernannt. Zu Ehren der Frauen, die ihm doch bitte gesunde, kriegsfähige Arier auf die Welt bringen sollten.

Die "Erfinderin" des Tages, die Amerikanerin Anna Marie Jarvies, hat sich immer gegen die Kommerzialisierung des Tages ausgesprochen. Doch was soll man schon gegen eine übermächtige Süßigkeiten- und Banalitätenindustrie ausrichten, die unbedingt Torten in Herzchenform und gefüllte Pralinen auf den Markt bringen will. Von Tassen, Tellern, Schmuckanhängern und Küchenschürzen ganz zu schweigen.

Die Stifterin dieses Muttertages tat dies aus Liebe zu ihrer eigenen Mutter, deren Todestag sie damit in einer methodistischen Andacht gedachte. Sie setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um aus diesem Tag einen offiziellen Muttertag zu machen. 1914 wurde dieser Tag zum ersten Mal in den USA als nationaler Feiertag begangen.

Alles gut und schön. Wer eine tolle Mutter hat, der soll diese ehren. Meine Mutter bedarf dieser Ehre nicht, sie hat sie nicht einmal verdient. Schon als sehr kleines Kind im Alter von knapp einem Jahr wurde ich ins Kinderheim verfrachtet. Mit 6 Jahren hat sich mir wieder rausgeholt, nur um mich mit 9 Jahren wieder zu entsorgen. Diese drei Jahre "zu Hause" waren geprägt von Hunger, physischen wie psychischen Misshandlungen und sexuellem Missbrauch. Hätte sie sich nicht das Bein gebrochen und das Jugendamt mich aus diesem Sauhaufen herausgeholt, keine Ahnung, wo ich heute wäre. In den nächsten drei Jahren hat sich mich immer wieder mal "nach Hause" geholt, nur um mich Wochen oder Monate später wieder abzugeben. Mit 13 Jahren reichte mir das dann, ich habe mich geweigert wieder dorthin zu gehen und blieb freiwillig im Kinderheim.

Nachdem sie mich nach dem Kinderheim wieder aufnehmen sollte, schrieb sie an das Jugendamt, dass dies nicht möglich sei. Es wäre gar kein Platz für mich da. Ihr blieb aber keine andere Wahl. Kurz danach fing ich eine Kochlehre an, die ich abbrach. Auch danach belog sie mich wieder, weil sie meinte, sie müsse auf Kur und ich könne nicht bleiben. Ich wurde wieder in ein Heim verfrachtet, diesmal in ein Lehrlingsheim. Danach habe ich mich 20 Jahre nicht mehr bei ihr gemeldet. Nachdem ich mehrere Versuche gestartet hatte, wieder mit ihr in Kontakt zu kommen, warum auch immer, habe ich das aufgegeben. In den letzten 15 Jahren habe ich sie einmal gesehen und nur einmal mit ihr am Telefon gesprochen.

Für meine eigenen Kinder, also ihre Enkel, zeigte sie bis heute keinerlei Interesse. Sie hat nie angerufen, keine Karte geschickt, keinen Brief geschrieben. Besuche sind völlig ausgeschlossen, denn dazu müsste sie ja von ihrem Sofa aufstehen. Mein Leben, meine Frau und meine Kinder interessieren diesen Menschen, der sich meine Mutter nennt, nicht im Geringsten.

Mir ist der Muttertag Jacke wie Hose. In den letzten 30 Jahren habe ich nicht einmal zu diesem Tag mit meiner Mutter telefoniert. Wozu? Um ihr für die Schläge zu danken, mit der sie mich zu erziehen versuchte? Um ihr zu danken, dass sie mich als Kind fast verhungern lies? Um ihr zu danken, dass sie beim sexuellen Missbrauch durch meine eigenen Stiefbrüder einfach weggeschaut hat? Um ihr zu danken, dass ihr eigener "Lebensgefährte" sich an mir verging? Der übrigens von meinen Stiefbrüdern ins Haus geholt wurde, damit dieser sich an meine Mutter ranmachen konnte. So hatte er immer Frischfleisch in der Nähe. Wenn die beiden sich nicht gestritten und sie ihn rausgeschmissen hätte (nicht wegen mir, das wusste sie anscheinend nicht), wie lange wäre das dann noch gegangen?

Wenn meine Mutter das Zeitliche segnet, werde ich nicht trauern. Um einen Zustand des Trauens zu erreichen, muss man Gefühle aufbringen. Ich hege für meine Mutter aber keine Gefühle. Sie ist mir so egal wie ein geplatzter Fahrradreifen auf den Straßen von Peking.

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