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Ein Nazi, ein Bauer und ein Schwuler

Wirklich, hier laufen Jugendliche rum, da wird's einem Angst und Bange. Haben die keine Eltern? Und was soll der Spruch "Freiheit für Deutschland?" Da kommt neben Dummheit auch noch Blödheit dazu, wenn man mit solchen Sprüchen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen möchte.

Gestern, gegen 2:30 Uhr, standen auf einmal zwei solcher Vertreter der Gattung "Wo hab' ich nur mein Hirn hin" in der "Alten Turnhalle" und machten eine der Bedienungen an. "Ey, mach' ma' Musik an, lass laufen". Noch bevor wir einschreiten konnten, machten sich die Beiden wieder auf den Weg nach draußen. Wir schauten ihnen noch nach und warteten ab, ob die sich vielleicht in Bier mitnehmen wollten. Was sie zu ihrem Glück nicht taten.

Heute fragte ich mal bei drei Jugendlichen nach, die ich auf der Straße traf. Ein Mädchen, und zwei Buben. Einer der Buben prahlte bereits damit gestern besoffen gewesen zu sein (er ist 13) und lies die ganze Zeit in voller Laustärke Sido aus seinem Handy quäken. Obwohl meine Kinder neben mir saßen, musste ich Texte wie "Isch redde nisch mir dirr, deine Titten sind zu klein" oder "Isch werde disch und deine Mudda f..." ertragen. Von Rücksichtnahme keine Spur. Mit diesem Jungen eine Unterhaltung zu führen erwies sich als sehr schwierig, denn er wackelte herum wie ein Känguru auf Ecstasy, er lies mich nicht ausreden, schaute mich beim Gespräch nicht an und war irgendwie mit meinen Fragen völlig überfordert. Als er dann den Satz sagte: "Ey, ich bin auf der Hauptschule, ich verstehe Deinen Fragen nicht!", beendete ich den Versuch einer Konversation und wandte mich dem Mädchen zu.

Mit ihr war eine Unterhaltung durchaus möglich, diese war aber durch eine gewisse, sagen wir mal, Selbstüberschätzung geprägt. Ich habe 4 Dieses und 3 davon, ich kaufe mir einen Schäferhund und wenn ich mal groß bin, dann übernehme ich den Hof meiner Eltern. Im Gespräch erzählte sie freimütig, dass sie auf Familienfesten - "und auch mal so zwischendurch" - durchaus auch mal von der Mutter eine Flasche Bier bekommt (sie ist 14) und als ich fragte, ob sie denn nicht wisse, dass ihre Mutter sich damit strafbar mache sagte sie: "Dann müsste man unsere ganze Verwandschaft einsperren!" Sie machte aber einen sehr selbstbewussten Eindruck und hatte die beiden Jungs echt unter Kontrolle. Dann erzählte sie mir die Geschichte, dass einer ihrer Freundinnen in einem Mergentheimer Parkhaus von einem 15jährigen abgestochen wurde. Dem Täter sei nix passiert, der wäre wieder zu Hause, obwohl er das Mädchen getötet hatte. Ich habe die Geschichte gerade recherchiert, ich kann da nichts zu finden. Vielleicht klärt mich mal einer auf.

Dann kam ich auf die beiden Spacken zu sprechen, die abends in der Halle waren. Anscheinden kannte die drei diese Vollpfosten, sie meinte, das wären drei Brüder: "Einer ist Nazi, einer ein Bauer und der Dritte ist schwul". Schwule Nazis sind wirklich eine Ironie der Geschichte, denn der bekannteste Schwule wurde sofort verhaftet und ermordet, nachdem Hitler davon erfahren hatte.

Mit dem dritten Jungen konnte ich nicht reden, der war schweigsam wie ein Fisch. Vermutlich kommt er auch in der Dreierrunde nicht sehr oft zu Wort und ist schon froh, dass er überhaupt mitfahren darf. Man kann sich seine Freunde ja nicht immer aussuchen. Ist ja nicht gerade groß, dieser Ort.
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