Skip to content

21.08.2001: Interview mit Gottlob Haag

Als ich Gottlob Haag in seinem Haus in Wildentierbach besuchte, erwartete ich einen stämmigen, bärtigen Mann. Der Gottlob Haag, der mir die Tür öffnete, war nicht der, den ich aus den Zeitungsberichten und alten Bildern kannte. Nach dem Tod seiner Frau 1992 und einem inzwischen geheilten Zungenkrebs 1996 hat er stark abgenommen und bei der Bestrahlung seine Haare und seinen Bart verloren. "35 Bestrahlungen haben mir die Gosche verbrannt". Er spricht mit mir hochdeutsch, wohl weil ich mich als "zugezogener Rheinländer" geoutet habe oder weil er weiß, dass seine "Muttersprache", wie er den hohenlohischen Dialekt nennt, von den jungen Leuten nicht mehr verstanden wird. Aber immer wieder fällt er beim Erzählen in den Dialekt zurück, dem er seine Bücher, seinen Ruhm und nicht zuletzt seine Preise zu verdanken hat. Vom Ruhm spürt er nicht viel. "Manchmal wünsche ich mir, es wäre ein wenig mehr". Da klingt aber keine Resignation aus seinen Worten wenn er weiter sagt: "Aber ich habe gelernt damit zu leben."

Und wenn er erzählt, fällt es auf, dass er seine Sprache genauso gerne an ein Gegenüber richtet wie auf ein Blatt Papier, welches in seiner weißen elektrischen Schreibmaschine auf seinem Schreibtisch steckt. Einen Computer habe er mal dagehabt, dann aber wieder abholen lassen. Mit sowas könne er nicht umgehen und gebraucht habe er ihn eigentlich auch nicht.

Aufgewachsen ist er in sehr ärmlichen Verhältnissen zum großen Teil bei seinen Großeltern. Der Vater, ein Korbmacher und seine Mutter, eine Tagelöhnerin waren tagein, tagaus damit beschäftigt, das Notwendigste fürs Überleben zu sichern. Geld spielte für ihn nie eine Rolle und so kann er zwar auf zahlreiche Bücher und Veröffentlichungen zurückblicken, reich geworden ist er dadurch jedoch nicht. Eine Rente von der Bundeswehr, bei der er lange Jahre beschäftigt war, reicht ihm, um seinen Lebensabend schreibend zu verbringen. So geht er denn auch mit den heutigen Generationen hart ins Gericht: "Die Jugend, die ist nicht schlecht, schlecht sind nur die Eltern". Auf die Frage, ob ich das so schreiben dürfe antwortet er: "Ich habe mein ganzes Leben lang aus meinem Herz keine Mördergrube gemacht und es immer auf der Zunge getragen". Das brachte ihm zwar mehrere Förderpreise und 1978 sogar das Bundesverdienstkreuz für die Erhaltung der hohenlohischen Mundart ein, aber auch nächtliche Terroranrufe und Drohungen.

Pfarrer hat er werden wollen, der junge Gottlob, was seine Mutter nicht gerade mit Begeisterung aufnahm. Wenn er Schneider werden würde, könnte er die Schneiderei seines Patenonkels übernehmen denn dieser hatte keine Kinder. Den Wunsch der Mutter respektierend wurde eine Schneiderlehre absolviert. Doch viel hat er nicht als Schneider gearbeitet. "Da habens mich dann zum Krieg geholt." Da war er gerade 17 Jahre alt. Zunächst für fünf Monate zum Arbeitseinsatz nach Ostpreusen. Nach einem Urlaub zu Hause wurde es dann aber ernst, die Luftwaffe zog ihn zur Grundausbildung ein. Da diesen jedoch der Sprit ausging, wurde er wieder versetzt, diesmal zu den Panzerjägern. Und dort dann das "Glück im Unglück", ein Granatsplitter verletzte ihn am Fuß. "Einmal", so erzählt er, "lag ich im Graben und hörte meinen Großvater rufen. Gottlob, sagte der, kumm mohl ruff. So bin ich dann rausgeklettert und auf einen Wacholderbusch zugegangen weil ich dachte, dort steht mein Großvater. Wie ich am Busch ankomme, fährt eine Granate genau in das Loch, in dem ich vorher noch gelegen hatte!". Der Großvater war bereits Jahre vorher gestorben. "Und sehen sie", fährt er fort, "ich hatte immer das Gefühl, dass ich meinen Weg gehen muss. Und diesen bin ich dann gegangen."

Nach dem Krieg schlägt er sich durch und macht das, was er als "seinen Weg gehen" nennt, er schreibt 1959 sein erstes Gedicht "Meines Schattens Schatten". Dieses wird von der TZ veröffentlicht und die Leute zeigen zum ersten Mal mit dem Finger auf den Mann: "Der hat au'nen Schatten". Ihn stört das nicht, er schreibt weiter. "Ich habe irgendwie gemerkt, dass ich schreiben muss und habe deswegen weitergemacht". Ob er sich an dieses Gedicht noch erinnern könne frage ich und er sagt, er könne sich keine Gedichte merken. Deswegen schreibe er sie ja auf.

1964 wird sein erster Gedichtsband, der "Hohenloher Psalm" veröffentlicht. Und auf einmal merkt er, dass er tatsächlich seinen Weg gefunden hat. Denn dieses Gedichtsband bekommt 1965 den Förderpreis für Literatur der Stadt Nürnberg. Er veröffentlicht nun fast im Jahresabstand neue Gedichtsbänder, bis er 1973 eine Pause von fast fünf Jahren einlegt und erst 1979 wieder Gedichte in hohenlohisch-fränkischer Mundart veröffentlicht. Auf diese Lücke angesprochen sagt er: "Da hab ich auf Halde geschrieben". Dazwischen, 1978, bekommt er das Bundesverdienstkreuz. "Eigentlich sollte ich nur die Medaille bekommen", sagt der Dichter, "aber der Landrat Denzer hat eines meiner Gedichtsbände gelesen und gemeint, die Medaille würde nicht ausreichen." Angenommen habe er den Preis nur, weil er sich das alles selbst erarbeitet hat. Da hat niemand geholfen, er, der Selbstgestrickte, der das Schreiben nie gelernt hat.

Er zeigt stolz auf eine ganze Reihe Bücher im Wohnzimmerschrank und da steht ein Lebenswerk. Alles Bücher, die von ihm sind, von dem Unbequemen, der nie den Mund gehalten hat wenn andere das von ihm verlangt hatten und seine Kritik nicht hören wollten. Politisch sind seine Bücher nur manchmal aber dann war die Kritik am lautesten. "Ein Kritiker nannte mich mal einen weißen Raben". Ein Albino, der auffällt. Auch auffallen will? "Ich bin scho oft neeve noo dappt." Aber bereut habe er das nie.

Warum nun die Lücke in der Zeit von '73 bis 78'? Die Antwort dazu fällt ihm sofort ein, genauso präzise wie er sich problemlos an bestimmte Tage und Monate aus fast 75 Jahren seines Lebens erinnern kann. "Wissen sie, die Verleger wollten alle nur Geld, es ging immer nur ums Geld. Wenn ich 200 meiner eigenen Bücher gekauft hätte, wären die Druckkosten gesichert gewesen und es gäbe keinen Verlust. Ich sollte also 200 meiner eigenen Bücher kaufen und da habe ich nein gesagt, sowas mache ich nicht".

Mit einem neuen Verleger kommt dann auch die "Schreibfreude" wieder und er konnte seine "auf Halde" gearbeiteten Gedichte endlich veröffentlichen. Jahr für Jahr schreibt und veröffentlicht er neue Gedichte und besprochene Schallplatten, was in den 70ern durchaus üblich ist, weil für den Käufer wesentlich billiger.

Er bekommt 1987 den Wolfram von Eschenbach-Preis über den er sich sehr freut. Diesen bekommen sonst nämlich nur Bayern. Das er bis heute als einziger Nichtbayer diesen Preis erhalten hat, macht ihn besonders stolz.

1991 dann ein Theaterstück, der "Götz vo Berlichinge". Für dieses Stück bekommt er wieder einen Preis, diesmal den Förderpreis für Literatur aus Stuttgart. "Waren sie bei den Proben dabei?" wollte ich wissen um darauf einzugehen, dass irgend jemand ja den Schauspielern beibringen muss, wie man hohenlohisch spricht. "Nein, nie, ich war bei den Proben nie dabei. Die Premiere habe ich mir dann angeschaut und war eigentlich nicht zufrieden, hätte das aber so nie gesagt. Diese modernen Regisseure wissen nicht, dass eine Person in die Zeit gehört, für die sie geschrieben wurde. Einen Götz kann man nicht in die Neuzeit verfrachten, das geht nicht." Und so war auch der zweite Götz, der dann aufgeführt wurde, eigentlich nicht mehr sein Götz den er geschrieben hatte. Man merkte seinen Worten an, dass ihm das ein wenig leid tat.

Einschneidend in seinem Leben ist der Tod seiner Frau im Januar 1992, mit der er 30 Jahre verheiratet war. Bei einem Arztbesuch in Niederstetten bekommt diese eine Spritze und fällt daraufhin ins Koma. Nach fast sieben Monaten täglicher Besuche stellen Ärzte in Bad Mergentheim fest, das das Gehirn seiner Frau nur noch halb so groß ist wie normal. An diesem Abend betet er zu Gott und bittet darum, seine Frau zu erlösen. Was auch geschieht. Gottlob Haag, ein tiefreligiöser Mensch ist davon überzeugt, dass es Dinge auf dieser Welt gibt, die wir mit unserem Verstand niemals begreifen. Er verarbeitet den Tod seiner Frau 1994 im Lyrikband "Erlkönig läßt grüßen". Er selbst weiß, dass er "sein Leben zu Ende leben muss um nach seinem Tod ins große Ganze aufzugehen". Und vielleicht sogar um wiederzukommen.

1996, zu seinem 70. Geburtstag wird Gottlob Haag Ehrenbürger von Niederstetten. "Warum," möchte ich von ihm wissen, "warum hat das denn so lange gedauert? Warum mussten sie erst 70 Jahre alt werden um eine solche Würdigung zu bekommen?" Jetzt denkt er doch etwas nach und sagt dann: "Die haben halt gedacht, jetzt wird der 70 und mit dem müssen wir jetzt was machen". Ob sich aus der Ehrenbürgerwürde Vorteile für ihn ergeben hätten sagt er: "Der Herr Braun vom Verkehrsamt macht mir öfters mal eine Kopie wenn ich was brauche". Mit dem Herrn Finkenberger verstehe er sich gut, sagt er. Eingeladen habe man ihn auch schon zu seinem 75. Geburtstag, da findet eine Feier in Niederstetten statt.

Und dann kommt der Krebs. An der Zunge. Ausgerechnet an der Zunge. Als ob der liebe Gott ihm nun "die Gosche" verbieten will. Aber ein Gottlob Haag lässt sich nicht unterkriegen weil "ich immer gewusst habe, wann ich gehen muss und der Tag ist noch nicht gekommen. Ich spüre einfach, dass ich noch einige Zeit habe und wenn diese gekommen ist, dann nehme ich es wie es kommt". Also nimmt er den Kampf auf und redet mit seinem Krebs: "Wenn Du mich tötest, verreckst du mit mir." Und tatsächlich, sein Tag ist noch nicht gekommen. Das Sprechen fällt ihm noch etwas schwer und der Bart ist ab. Aber nur die Barthaare an seinem Kinn, denn sein nächstes Projekt, ein autobiographischer Roman über sein Leben, ist in der Mache. Und eine Seite davon steckt in der kleinen, weißen Schreibmaschine auf seinem Schreibtisch. Gottlob von Haag schreibt schon seit Jahren fast ausschließlich in Hochdeutsch. Weil seine "Muttersprache" niemand mehr lesen kann. Und nur die Alten können sie noch sprechen. Und das macht ihn dann doch etwas traurig.

Bevor ich aufbreche, trägt er mir noch ein Gedicht vor. Natürlich auf hohelohisch:

Dr Herrgott

E' uralder Mou is er, mit en lange, schnäeweiße Boert,
der alles sicht und waaß, hat mir früher
mei' Großmueder verzeiihlt.

I hob's ere glaabt, lang glaabt,
bis zu denn Dooch, wu i'en uralde Mou
mit'n lange, schnäeweiße Boert
uff'dr Schtroeße gseeche hob.

Zwische e'boer Soldate is'er drhittorchlt.
Sie hewe uff'en neiigschlooche und gschriee:
"Gäehzue und laaf, du schtinketer Jud!"

Sie hewe'n eiigschperrt, gfoltert und drangsaliert
und er hat niee gjammert und kloocht,
aa nit, wu's'en doetgschlooche hewe.

E' uralter Mou wäer dr Herrgot,
der alles sicht und waaß,
mit'en lange, schnäeweiße Boert,
hat mir mei' Großmueder
verzeiihlt.

Und i' hob's gseeche,
wie's 'en doetgschlooche hewe.

110 Klicks